Januar 2026 |
260101 |
ENERGIE-CHRONIK |
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Die Kanal-Ausbuchtung oberhalb der Kabelbrücke ist der ehemalige Hafen Lichterfelde, der zu Anfang des 20. Jahrhunderts beim Bau des Teltow-Kanals mit vier ähnlichen Anlagestellen in Steglitz, Tempelhof, Mariendorf und Britz-Ost angelegt wurde. Dieser Hafen spielte bei der Standortwahl für das 1972 in Betrieb gegangene Kraftwerk eine entscheidende Rolle, denn hier konnten dann die Tankschiffe aus Westdeutschland anlegen und das Schweröl übergeben, mit dem dieses wichtige Kraftwerk zur Sicherstellung der Westberliner Strom- und Fernwärmeversorgung zunächst betrieben wurde. Eine teilweise Umstellung auf Gas erfolgte erst nach der Wiedervereinigung. Die beiden heutigen GuD-Blöcke (300 MW elektrisch und 230 MW thermisch) sind seit 2019 in Betrieb (170515). Quelle: Google Earth
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Nur vier Monate nach dem 60-stündigen Stromausfall im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick, den am 9. September unbekannte Saboteure mit einem Brandanschlag auf zwei Hochspannungsmasten im Ortsteil Johannisthal verursachten (250903), kam es am 3. Januar erneut zu einem solchen Brandanschlag, der noch verheerendere Folgen hatte: Dieses Mal setzten die Täter eine Kabelbrücke in Brand, die den vom Kraftwerk Lichterfelde erzeugten Strom über den Teltow-Kanal in die südwestlichen Stadtteile Nikolassee, Wannsee, Zehlendorf und Lichterfelde transportiert. Diese Kabelbrücke ist nur zu Wartungszwecken begehbar. Die Täter brachen jedoch die Stahltür auf, die am anderen Ufer des Kanals den Zugang versperrt. Dann entfachten sie in dem Durchgang unter den verlegten Hoch- und Mittelspannungskabeln einen Brand, dessen Hitze die Isolierungen der Kabel beschädigte und durch Kurzschlüsse zerstörte, da sie die Kabelstränge zuvor mit leitenden Materialien umwickelt hatten.
Zu dem Anschlag bekannte sich noch am selben Tag eine sich selbst so titulierende "Vulkangruppe: Den Herrschenden den Saft abdrehen." Es dauerte mehr als vier Tage, bis die Stromversorgung für die rund hunderttausend betroffenen Menschen wenigstens provisorisch wieder hergestellt werden konnte. Allerdings könne es in den kommenden Tagen in den betroffenen Gebieten "vereinzelt aus verschiedenen technischen Gründen noch einmal zu kurzzeitigen Ausfällen der Stromversorgung von max. 30 Minuten kommen" warnte der Verteilnetzbetreiber "Stromnetz Berlin" – eine Prognose, die vermutlich mit Blick auf die noch lange nicht abgeschlossenen Reparaturarbeiten vor der Illusion bewahren sollte, dass schon alles wieder im Lot sei.
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Dieses Foto zeigt den Brand, den die Saboteure unterhalb der Kabelstränge gelegt hatten – kurz bevor die Feuerwehr ihn vollends löschte. Quelle: Stromnetz Berlin
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Die Tat ereignete sich am frühen Morgen des 3. Januar: Nach Angaben von "Stromnetz Berlin" waren ab etwa sechs Uhr rund 45.000 Haushalte und 2.200 Gewerbekunden in den betroffenen Stadtteilen ohne Strom. Grob hochgerechnet entsprach das etwa hunderttausend Menschen. Der Berliner Verteilnetzbetreiber hoffte zunächst, den Schaden relativ schnell beheben zu können. Dies erklärt wohl auch sein Zögern, eine breitere Öffentlichkeit zu informieren. Als er dann er am 4. Januar um 13 Uhr – also nach 31 Stunden – die erste Pressemitteilung zum "Brand auf einer Kabelbrücke in Lichterfelde" veröffentlichte, konnte er jedoch nur vermelden, dass inzwischen 10.000 Haushalts- und 300 Gewerbekunden in Lichterfelde wieder Strom hätten. Dagegen sei dies bei 35.000 Haushalten und 1.900 Gewerbekunden in Nikolassee, Zehlendorf und Wannsee noch nicht gelungen. Die Wiederversorgung sämtlicher Kunden werde voraussichtlich sogar erst am 8. Januar nachmittags erfolgen können.
Zur Ursache des Stromausfalls teilte der Stromnetzbetreiber lediglich mit, dass ein am Morgen des 3. Januar entdeckter und gelöschter Brand an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal beim Kraftwerk Lichterfelde mehrere Kabel beschädigt habe. Dabei stand längst fest, dass es sich um einen Anschlag handelte. Auch der "Tagesspiegel" hatte inzwischen darüber berichtet, obwohl das führende Qualitätsblatt der Hauptstadt nicht zu dem kleinen Kreis von fünf ausgewählten Medien gehörte, dem die unbekannten Saboteure bereits am 3. Januar ein sechs Seiten langes Bekennerschreiben zukommen ließen. Auch noch später sprach der Berliner Stromnetzbetreiber, der seit der 2021 erfolgten Rekommunalisierung direkt dem Senat untersteht (210403), nur sehr allgemein und verunklarend von einem "mutmaßlichen Brandanschlag auf eine Kabelbrücke", obwohl die ermittelnden Behörden das Bekennerschreiben inzwischen durchaus als echt eingestuft hatten und auch die am Tatort vorgefundenen Spuren eine Brandstiftung belegten.
Die Saboteure hatten inzwischen ihr ellenlanges Pamphlet, das mit "Neujahrsgrüße 2026" betitelt war, am 4. Januar gegen 14 Uhr auch auf de.indymedia.org veröffentlicht. Diese Webseite dient normalerweise als erste Adresse zur Verbreitung von Texten aus dem linksextremen Spektrum. Anscheinend hatten sich die Täter aber eine größere propagandistische Wirkung erhofft, wenn sie ihr Pamphlet zuerst einmal bestimmten Medien exklusiv zuspielen. In einer "Erklärung und Ergänzung", die sie nun ihrem auf "Indymedia" erneut veröffentlichten Bekennerschreiben voranstellten, zeigten sie sich sehr enttäuscht darüber, dass die fünf ausgewählten Medien Spiegel, taz, RBB24, RBB Fernsehen und Radio Eins nur fragmentarisch über den zugesandten Text berichtet hätten. "Unsere Erklärung ist bis heute aus politischem Kalkül nicht öffentlich gemacht worden bzw. nur um 5:30 auf Radio Eins", beklagten sie sich. "Danach verschwanden alle Zitate auf Intervention." Das sei auf Druck der "politischen Verantwortlichen" geschehen, um eine "inhaltliche Auseinandersetzung" mit ihrem Text zu verhindern.
Eine solche inhaltliche Auseinandersetzung ist allerdings auch sehr schwierig mit Leuten, die sich in den Kopf gesetzt haben, alle unbestreitbaren Übel dieser Welt mit Anschlägen auf Stromleitungen oder sonstige Iebenswichtige Infrastruktur kurieren zu wollen. Die Anschläge sollen nämlich erklärtermaßen nur dem edlen Zweck dienen, den manipulierten und geknechteten Menschen endlich die Augen zu öffnen. Die Saboteure verfügen natürlich bereits über den notwendigen Durchblick. Sie sehen sich in der undankbaren Rolle von Erlösern, die leider zu derart brutalen Maßnahmen greifen müssen, obwohl sie sonst eigentlich die hehrsten Ziele verfolgen und die Sanftmut in Person sind.
Deshalb war es der "Vulkangruppe Tesla abschalten" beim Anschlag auf die 110-kV-Leitung im Südosten Berlins, mit dem sie am 25. März 2024 das Tesla-Werk in Grünheide lahmlegte (240302), doch etwas peinlich, dass sie auch den Bewohnern von acht Gemeinden die Stromversorgung wegnahm. In ihrem Bekennerschreiben beteuerte sie: "Wir konnten vor der Aktion nicht überprüfen, ob nur Tesla an dem eigens für ihn umgebauten Hochspannungsmasten hing oder zusätzlich private Haushalte auch." Man bitte aber alle Betroffenen um Entschuldigung. Außerdem sei kein Menschenleben gefährdet worden. Und nicht nur das: Die ebenso menschen- wie tierfreundlichen Saboteure legten großen Wert auf die Feststellung, dass sie zuerst die an dem Hochspannungsmasten befindlichen Schnecken entfernt und gerettet hätten, bevor sie diesen anzündeten ...
Nach dem Anschlag vom 9. September vorigen Jahres, der im Stadtbezirk Treptow-Köpenick vor allem den Technologie- und Medienpark Adlershof als angebliches Rüstungszentrum treffen sollte, wurden die Betroffenen in einem Text, für den "Einige Anarchist:innen" verantwortlich zeichneten, folgendermaßen über die wahre Funktion der Stromnetze aufgeklärt:
"Das Stromnetz repräsentiert als solches die Geschichte des Fortschritts und ist die Grundvoraussetzung für die gnadenlose Entwicklung hin zu einer hochtechnologisierten Gesellschaft, wie wir sie heute kennen. Diese Gesellschaft, die unter dem Pranger der Technologie und des Kapitals steht, scheint vorerst das irdische Endprodukt der zivilisatorischen Errungenschaft zu sein und verursacht eine schier irreparable Erdzerstörung, deren Ausmaß einmalig in der Erdgeschichte ist. Ganz abgesehen von den blutigen Kriegen, um Macht und Ressourcen, die die Herrschenden ihren Diener:innen aufzwingt. Der unersättliche Drang nach Wachstum lässt sie dabei, im wahrsten Sinne des Wortes, immer häufiger auch nach den Sternen greifen. Die Elektrizität ist dabei die Hauptquelle der Energie, die jede Maschine und jeden 'Fortschritt' nährt, die notwendig sind, dieses aktuelle System zu reproduzieren. Es abzuschalten ist möglich und es ist auch möglich, es mit einem Leben in Freiheit ohne Herrschaft und Ausbeutung zu ersetzen."
Zweifellos ist es den Verfassern derartiger Sätze als erster großartiger Erfolg gelungen, ihr eigenes Denkvermögen abzuschalten. Über ein gewisses feuilletonistisches Talent verfügen sie dagegen schon, das muss man neidlos anerkennen. Jedenfalls beherrschen sie hervorragend "die Kunst, auf eine Glatze Locken zu drehen", wie Karl Kraus das einmal genannt hat.
Nebenbei fällt bei allen Bekennertexten das penible Gendern auf. Zum Beispiel bei Worten wie "Neo-Faschist:innen", "Anarchist:innen", "Anwohner:innen", "Feind:innen der Freiheit", "Kompliz:innen der Waffenindustrie", "Diener:innen", "Besetzer:innen, "Bürger:inneninis" oder "keine:r redet". Es handelt sich um Begriffe mit maskulinem Genus, die früher in der Einzahl wie in der Mehrzahl problemlos ebenso Männer wie Frauen umfassen konnten, weil das grammatikalische Geschlecht nun mal etwas anderes ist als das biologische Geschlecht. Dann haben allerdings einige besonders kluge Köpfe entdeckt, dass das bisherige Deutsch eine versteckte Diskriminierung des weiblichen Teils der Menschheit enthalte. Dieser sei nämlich allenfalls "mitgemeint", wenn beispielsweise nur von "Bürgern" die Rede ist, statt von "Bürgern und Bürgerinnen" oder galanterweise von "Bürgerinnen und Bürgern". Allerdings hat eine solche ständige geschlechtliche Verdoppelung den Nachteil, dass sie irgendwann jedermann und jederfrau auf den Geist geht. Deshalb haben die Genderer zusätzlich noch Hardcore-Versionen erfunden, die in diesem Fall "Bürger*innen" oder "Bürger:innen" lauten könnten. Damit haben sie dann die deutsche Sprache, die zumindest grammatikalisch weiblichen Geschlechts ist, sogar regelrecht vergewaltigt und zerstückelt.
Weshalb dieser sprachkritische Exkurs? – Weil es schon kurios ist, wenn ausgerechnet "Anarchist:innen" einem Konformismus huldigen, der keineswegs spontan entstanden ist, sondern großteils auf administrativer Gewaltausübung beruht, wie sie erstmals exemplarisch mit dem 2001 erlassenen "Bundesgleichstellungsgesetz" (BGleiG) praktiziert wurde (081203). Seitdem wurde in allen Bereichen, die dem Bund unterstehen, das generische Maskulinum durch genauso dümmliche wie umständliche Doppelkonstruktionen oder andere Versionen des Genderns ersetzt. Vor allem kam es neben der Verhunzung von Wörtern durch Sternchen oder Satzzeichen zu sinnwidrigen und sprachlich schiefen Lösungen wie "Studierende" statt "Studenten" oder "Forschende" statt "Forschern". Zu den wenigen Ausnahmen gehörte Artikel 1 des Grundgesetzes, in dem das generische Maskulinum unangetastet blieb, weil der Artikel sonst ungefähr so hätte lauten müssen: "Die Würde des Menschen und der Menschin ist unantastbar."
Für den Konformismus der "Anarchist:innen" gibt es freilich gute Gründe: Sie wollen so signalisieren, dass sie nicht einfach nur Kriminelle sind, sondern zu jenem bürgerlichen Milieu gehören, das sie mit ihren Pamphleten umwerben. "Die Anwohner:innen der Bremer Straße bitten wir um Verschwiegenheit", heisst es beispielsweise anbiedernd im neuesten Selbstbezichtigungsschreiben – gerade so, als ob die Täter von den Schrebergärtnern am Kanalufer, denen sie möglicherweise bei der Vorbereitung ihres Anschlags aufgefallen sind, so etwas wie Sympathie oder gar Unterstützung erwarten könnten.
Mit ihrer paranormalen Sichtweise von Technik, Kultur und Gesellschaft erschließt sich so den Tätern nicht nur die fatale Rolle des Stromnetzes bei einer "schier irreparablen Erdzerstörung", sondern ebenso die Diskriminierung des weiblichen Geschlechts durch die deutsche Sprache. Beim Gendern gibt es deshalb nicht den geringsten Dissens zwischen den Saboteuren und ihrem Anschlagsopfer, denn der Verteilnetzbetreiber "Stromnetz Berlin" hält es ebenfalls für erforderlich, ständig erneut klarzustellen, dass er nicht nur Kunden beliefert, sondern "Kundinnen und Kunden" bzw. "Kund*innen". Allerdings macht er das nicht ganz freiwillig, da der Senat 2023 diesbezügliche Sprachregelungen erlassen hat, die auch für den Kommunalversorger verbindlich sind. Die Regierenden ließen sich auch nicht davon beeindrucken, dass bei einer Leserumfrage des Anzeigenblatts "Berliner Woche" über 90 Prozent eine amtliche Sprachregelung ablehnten. Den Rechtspopulisten von der AfD, die in Berlin bisher nur eine marginale Rolle spielen, eröffneten sie damit die Möglichkeit, sich als Hüter der deutschen Sprache und einzig wahrer Vollstrecker des Volkswillens aufspielen zu können.
Besonders hirnrissig muten in dem neuesten Bekennerschreiben Sätze wie die folgenden an:
– "Die Angebote an Teilhabe an einer verbrannten Welt weisen wir mit unserer militanten Aktion zurück. Deshalb haben wir die Aktion auf das Gaskraftwerk in Lichterfeld gemacht."
– "Man nennt uns Ökoterrorist:innen, dabei achten wir das Leben. Man nennt uns verantwortungslos, dabei übernehmen wir Verantwortung, um diese imperiale, zerstörerische Lebensweise zu beenden. Unsere gemeinwohlorienterte Aktion ist gesellschaftlich sinnvoll. Wir versuchen damit, die Ausbeutung der Erde zu unterbrechen, die CO2-Toten zu verhindern und die mit der Klimakatastrophe zusammen hängenden Krankheiten zum Stoppen zu bringen."
– "Für die Unannehmlichkeiten des nicht wohlhabenden, auf Hilfe angewiesenen Teils der Bevölkerung möchten wir uns noch einmal ausdrücklich entschuldigen. Sie waren nicht Ziel der Aktion. Wir bitten die Bevölkerung um gegenseitige solidarische Hilfe. Insbesondere bitten wir um Unterstützung für pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige, den mittellosen Menschen dieser Stadtteile und den zurückgezogenen, mit der Situation überforderten Menschen. Für die Besitzer:innen der vielen Villen, für die Immobilienfirmen, die Botschaften und andere elitäre Reiche in der Gegend hält sich unser Mitleid wie schon erwähnt in Grenzen. Die Reichen und ihre egozentrische, unsoziale Lebensweise zerstören gerade den Planeten."
Bemerkenswert ist, dass sich die Verfasser in diesem Schreiben ausdrücklich auf frühere ähnliche Sabotageakte als "Referenzpunkte unserer Aktion" berufen. Namentlich nennen sie den Technologiepark Adlershof, das Tesla-Werk in Grünheide, die Infrastruktur des Steinkohlekraftwerks Reuter sowie einen "Knotenpunkt von Vodafone in Adlershof". Das klingt so, als ob die einzelnen "Vulkangruppen" nicht nur ideologisch miteinander verbunden wären, sondern sich auch personell überschneiden würden.
Bisher wissen die seit 15 Jahren ermittelnden Behörden jedoch nur sehr wenig über diese sektenartige Szene, die bereits 2011 entstanden zu sein scheint, als es zu einer Serie von Anschlägen auf Kabelschächte und Signalanlagen kam, die fast den gesamten Berliner S-Bahn-Verkehr lahmlegte. Erst im Februar 2023 schien die Bundespolizei endlich einen Mann und eine Frau auf frischer Tat ertappt zu haben, die sich an Bahngleisen zu schaffen machten, als ob sie einen Brand legen wollten. Das Verfahren gedieh bis einer Anklage. In der Gerichtsverhandlung wurden die beiden jedoch mangels Beweises freigesprochen, weil der Polizei bei der Beweisaufnahme Fehler unterlaufen seien.
Wie sich dem neuesten Bericht des Berliner Verfassungsschutzes (PDF) entnehmen lässt, dürfte die Selbstbezeichung der Täter als "Vulkangruppe" auf den Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjällajökull im Jahr 2010 zurückzuführen sein, der seinerzeit wochenlange Beeinträchtigungen des Flugverkehrs in Europa mit sich brachte. Anfangs hätten sich die wechselnden Namen in den Selbstbezichtigungsschreiben der "Vulkangruppen" auch zumeist auf isländische Vulkane bezogen (z. B. "Grimsvötn", "Katla", "Ok").
Indessen werden auch Anarchisten älter und damit vielleicht ein bißchen vernünftiger. Das könnte die Erklärung dafür sein, dass zweieinhalb Tage nach der Veröffentlichung des Bekennerschreibens auf derselben Internet-Plattform ein Text erschien, mit dem sich "die Vulkangruppe der Jahre 2011" scharf von ihren Nachkömmlingen distanzierte: "Diese Erklärung ist notwendig, weil unser Name in einen Zusammenhang gestellt wird den wir nicht tragen. In Veröffentlichungen, Bekennerschreiben und medialen Kurzschlüßen wird eine Kontinuität behauptet, die es nicht gibt. Unser früheres Handeln wird benutzt, um aktuelle Angriffe zu legitimiren, zu erklären oder politisch aufzuladen. Das weisen wir zurück."
"Nicht aus Bequemlichkeit, nicht aus Anpassung , sondern aus Verantwortung" hätten sie von ihrer früheren Haltung Abstand genommen, heißt es weiter. Der Grund sei vielmehr, dass sie "nicht Teil einer Dynamik sein wollten, in der Kritik am Militarismus mit der faktischen Schwächung von Gesellschaften zusammenfällt". – Das könnte speziell als Kritik an dem Anschlag vom September 2025 verstanden werden, mit dem die ungeratenen Nachkömmlinge den Technologie- und Medienstandort Adlershof zu einem militärisch-industriellen Komplex zu dämonisieren versuchten. Das hatte wiederum zu Spekulationen geführt, ob die Saboteure vielleicht sogar vom russischen Geheimdienst im Rahmen der hybriden Kriegsführung des Putin-Regimes als nützliche Idioten eingespannt worden sein könnten.
Natürlich bleibt vorerst ungewiss, ob sich da wirklich "die Vulkangruppe der Jahre 2011" zu Wort gemeldet hat. Es könnte sich auch um einen Versuch der seit 15 Jahren erfolglosen Strafverfolger handeln, die wie Pech und Schwefel zusammenhaltenden Saboteure auseinanderzudividieren. Aber würden solche Behörden auch noch listigerweise Schreibfehler wie "Kurzschlüße", "legitimiren", "gesäht" oder "stellvertretent" einfügen? Glaubten sie etwa, damit den Anschein von Authentizität erhöhen zu können?
Eher für die Echtheit des Schreibens sprechen auch das schwülstige Pathos und der apokalyptische Blick in die Zukunft: "Unser Rückzug ist kein Widerruf unserer Kritik an Krieg, Aufrüstung und Waffenexporten. Diese Kritik bleibt. Machen wir uns nichts vor – die Saat des Todes ist gesäht und sie geht längst auf. Die nächsten Jahre wird die Welt brennen, langsam dann schneller. Alte und neue Machtblöcke haben ihre Ansprüche abgesteckt, Figuren wie Putin und Trump stehen dabei nur stellvertretent, austauschbar. Europa wird nicht durch Moral fallen, sondern durch seine eigene Technologie, durch das was es exportiert, verkauft und perfektioniert. Wir sagen das nicht, um verstanden zu werden. Wir sagen es, weil Schweigen in diesem Fall Zustimmung wäre."
Den Wendepunkt, ab dem ihre Strategie obsolet geworden sei, sieht "die Vulkangruppe der Jahre 2011" bereits im Jahr 2014: Mit dem damaligen Angriff Russlands auf die Ukraine habe sich "der Kontext grundlegend verschoben" und "was zuvor als Kritik an westlicher Militärpolitik formuliert werden konnte, geriet in eine Lage, in der jede Form von Infrastrukturangriff objektiv Teil einer allgemeinen Destabilisierung wird".
Sind die Saboteure tatsächlich "linke" Extremisten?Faktisch handelt es sich jedenfalls um Wirrköpfe,
die mit ihren Anschlägen nur die Rechtsentwicklung vorantreiben "Manche meinen, lechts und rinks kann man nicht velwechsern – welch ein Illtum!" – So lautet ein bekannter Spruch, bei dem der Dichter Ernst Jandl die Buchstaben "r" und "l" so vertauschte, dass ein tiefgründiger höherer Blödsinn zustande kommt. Der Lyriker dürfte dabei kaum an links und rechts im Sinne einer politischen Standortbestimmung gedacht haben. Trotzdem wird der Spruch meistens dann zitiert, wenn es jemand mit politischen Positionierungen nicht so genau nimmt oder sie sogar absichtlich verfälscht. Letzteres geschah jetzt in Berlin, wo Anfang Januar der Regierende Bürgermeister Kai Wegener (CDU) die Linkspartei mehr oder weniger in die Nähe der "Linksterroristen" zu rücken versuchte, die soeben den bislang schwersten Anschlag auf die Stromversorgung der Hauptstadt verübt hatten.
Es begann damit, dass die Spitzenkandidatin der Linkspartei für die am 20. September anstehende Neuwahl des Abgeordnetenhauses, Elif Eralp, nach dem Stromausfall die betroffenen Stadtbezirke besucht hatte, um sich ein Bild von den Folgen zu machen und mit Geschädigten zu reden. Mit Blick auf das pseudo-linke Geschwafel der Saboteure sowie deren übliche Etikettierung als "Linksextremisten" in den Medien glaubte sie anschließend nochmals klarstellen zu müssen: "Nichts ist links an dem, was hier getan wurde." Eine eigentlich unnötige Feststellung. Es hatte bis dahin auch niemand insinuiert, dass die Linkspartei – nur wegen dem "links" in ihrem Namen – mit sogenannten Linksextremisten oder gar "Linksterroristen" etwas zu tun habe. Anders sah das freilich der "Regierende Bürgermeister" Kai Wegener (CDU), der unter dieser Bezeichnung – die noch aus dem Jahr 1948 stammt und sowohl die Besatzungszeit als auch die Wiedervereinigung überdauert hat – seit 2023 als Ministerpräsident des Bundeslandes Berlin amtiert. Dieser oberste Repräsentant Berlins betonte am 6. Januar, dass es sich um einen "linksextremistischen" bzw. "linksterroristischen" Anschlag handele. Und dabei beließ er es nicht. Er versuchte sogar krampfhaft, eine politische Verbindung mit der Linkspartei herzustellen, indem er erklärte: "Das Bekennerschreiben ist hier eindeutig. Und dass die Linkspartei sich hier wegduckt, vielleicht sogar noch die Täterin oder den Täter schützt mit diesen Aussagen, ist für mich absolut inakzeptabel." Außerdem kündigte er an: "Wir werden den Druck so was von erhöhen, denn wir haben gemeinsam das Ziel, diese militanten Kriminellen, diese Linksterroristen zu erwischen."
Diese Attacke war so was von Blödsinn, dass man sie selbst von einem Politiker des rechten Flügels der CDU eigentlich nicht erwartet hätte. Um sie rein menschlich zu verstehen, kann man Wegener aber zugute halten, dass er sich in einer psychischen Ausnahmesituation befand: Er war nämlich plötzlich in arge Bedrängnis und unter Beschuss der Medien geraten, nachdem er am 6. Januar bei der Krisensitzung des Senats gefehlt hatte und sich auch nicht in den vom Stromausfall betroffenen Stadtteilen blicken ließ. Er hatte dies damit zu erklären versucht, dass er sich den ganzen Tag im Büro seines Privathauses in Berlin-Kladow eingeschlossen habe. Von dort aus habe er mit allen möglichen Leuten telefoniert, um sich erst einmal ein Bild von der Lage zu verschaffen und die notwendigen Maßnahmen koordinieren zu können. Bald stellte sich freilich heraus, dass er zumindest eine Stunde lang damit beschäftigt war, mit seiner Lebenspartnerin Tennis zu spielen. Wegener musste dies wohl oder übel zugeben. Seine nachgeschobene Erklärung, dass er wegen seiner strapaziösen Tätigkeit im Home-Office "einfach mal den Kopf freikriegen wollte" und dafür das Tennis-Match benötigt habe, stieß aber weithin nur auf Unglauben, Hohn und Spott. – Da kann selbst ein ausgebuffter Politiker mal die Nerven verlieren. Ferner sollte man wissen, dass die Linkspartei Wegeners wichtigster Gegner bei den bevorstehenden Wahlen zum Abgeordnetenhaus am 20. September ist. Nach neuesten Umfragergebnissen würde sie mit 18,4 Prozent sogar das zweitbeste Ergebnis nach der CDU (22,6 Prozent) erzielen. Eine Koalition aus Linkspartei, Grünen (18,4 Prozent) und SPD (13,0 Prozent) würde damit 62 von insgesamt 130 Sitzen im Abgeordnetenhaus erlangen, während CDU (34) und AfD (24) zusammen nur auf 58 Sitze kämen. Wegener hat also allen Grund, sich vor der Linkspartei zu fürchten
– nicht weil diese angeblich zum Linksextremismus tendiert oder
insgeheim Sympathien für Linksterroristen hätte, sondern weil
sie der wichtigste Faktor ist, der einer Verlängerung seiner Regierungszeit
entgegensteht. Zugleich würde damit auch seine Lebensgefährtin
Katharina Günther-Wünsch ihr einträgliches Amt verlieren, die er
persönlich zur Bildungssenatorin ernannt hat (so etwas ist vermutlich
nur in Berlin möglich) und die auch die Tennis-Partnerin war, mit
deren Hilfe er am 6. Januar "einfach mal den Kopf freikriegen"
wollte, nachdem er sich im Home-Office so rastlos mit der Aufklärung
und Koordinierung des Anschlags verausgabt hatte... Die Linkspartei profitierte sowohl vom Austritt der "Wagenknechte" als auch vom Protest gegen die AfDSchon bei der vorgezogenen Bundestagswahl, die nach dem Bruch der Ampel-Koalition
am 23. September 2025 stattfand, hatte die größte Überraschung
des Wahlergebnisses darin bestanden, dass ausgerechnet die Linkspartei
einen unerwarteten Aufschwung erlebte. Nachdem die irrlichternde Sarah
Wagenknecht ausgetreten war und mit ihrem Gefolge das "Bündnis
Sarah Wagenknecht" als neue Partei gegründet hatte, war nämlich
allgemein erwartet worden, dass die Linkspartei unter die Fünf-Prozent-Hürde
sinken und nicht mehr im Parlament vertreten sein werde. Aber genau
das Gegenteil war der Fall: Der Austritt der Sektierer bekam der Partei
so gut, dass sie 8,8 Prozent der Stimmen erhielt und nach den Grünen
zur fünftstärksten Fraktion im Bundestag wurde (250202). Sicher spielte bei dieser wundersamen Wiederauferstehung der Linkspartei aber auch eine große Rolle, dass vor allem jüngere Wähler dieser Partei am ehesten zutrauten, dem weiteren Vormarsch der AfD Einhalt zu gebieten und die Rechtsextremisten wieder derart in die Bedeutungslosigkeit zurückzudrängen, wie dies am Ende der sechziger Jahre der damaligen "Außerparlamentarischen Opposition" (APO) mit der NPD gelungen war. Die bräunlichen "Nationaldemokraten" saßen damals bereits in sieben Landesparlamenten, bevor sie bei der Bundestagswahl 1969 knapp scheiterten und bei der folgenden Wahl nur noch 0,6 Prozent erreichten – vor allem aufgrund des Aufstands einer jungen Generation, deren Eltern oder Verwandte seinerzeit die Nazis gewählt hatten oder bei der sogar das Bild des im Krieg gefallenen Vaters in voller SS-Montur mit dem Totenkopf bzw. dem Hakenkreuz der Wehrmachtsuniform noch immer auf dem Nachttisch der Mutter gestanden hatte. Diese Studenten, Schüler und Lehrlinge wollten es keinesfalls zu einem "neuen 1933" kommen lassen. In der diktatorisch regierten DDR, die ihren vorgeblichen Antifaschismus wie eine Monstranz zur Schau stellte und 1961 sogar den Bau der Berliner Mauer als "antifaschistischen Schutzwall" absegnete, gab es dagegen keine vergleichbare Kulturrevolution. Mit einer kurzen Unterbrechung in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts herrschten hier bis zur Wende obrigkeitsstaatliche Verhältnisse. So etwas hinterlässt nachhaltige Spuren und erklärt zum großen Teil, weshalb bei den bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern nun sogar die Gefahr droht, dass die AfD dort die CDU überflügelt und zur stärksten Partei wird. Wegener und die CDU waren übrigens bei der Neuwahl des Abgeordnetenhauses am 12. Februar 2023 nur sehr knapp an die Regierung gelangt, nachdem die ursprünglichen Wahlen zum Abgeordnetenhaus, die am 26. September 2021 zusammen mit der Bundestagswahl stattgefunden hatten, wegen behördlichen Schlampereien bei der Durchführung annulliert werden mussten. Dieser und andere Mißstände in der Berliner Verwaltung haben eine jahrzehntelange Vorgeschichte, in der sowohl die CDU als auch die SPD keine rühmliche Rolle spielen. Indessen wurde dafür bei der Wiederholungswahl vor allem die aktuell regierende Koalition aus SPD, Grünen und Linkspartei abgestraft. Deshalb hätte diese nur noch mit knapper Mehrheit weiterregieren können. Dazu kam es indessen nicht, weil die SPD beschloss, mit der CDU wieder mal eine schwarz-rote Koalition einzugehen und sich mit der Rolle des Juniorpartners zu begnügen. Diese Entscheidung wird ihr aber inzwischen erst recht nicht von den Wählern honoriert, denn bei der jüngsten Umfrage sackte sie von den 18,4 Prozent, die sie 2023 noch erzielt hatte, auf die bereits erwähnten 13 Prozent ab. Sie käme deshalb jetzt nur noch als Juniorpartner der Linken in die Regierung. Muss man von Kriminellen unbedingt deren Selbstdarstellung als "linke" Gesinnungstäter übernehmen?Aber handelt es sich bei "Linksextremisten", "Linksterroristen" oder wie immer man die Saboteure bezeichnen mag, tatsächlich um Leute, die der linken Seite des politischen Spektrums zugeordnet werden können? Es mag ja durchaus sein, dass sie mehr oder weniger große Bruchstücke ihres verquasten ideologischen Potpourris einmal von dieser Seite bezogen haben. Aber zählt das noch, wenn sie objektiv nur den Rechtextremismus fördern oder sich gar subjektiv zu diesem bekennen? – Man denke nur an Horst Mahler, der mal als Staranwalt der Berliner APO-Szene galt, neben illustren Persönlichkeiten wie Hans Magnus Enzensberger dem radikaldemokratischen "Republikanischen Club" angehörte und den Studentenführer Rudi Dutschke verteidigte, – aber dann nicht nur die Verteidigung der Kaufhaus-Brandstifter Andreas Baader und Gudrun Ensslin übernahm, sondern gemeinsam mit diesen die Terrororganisation RAF gründete und deshalb zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Zwischendurch zeigte er sich dann geläutert und wurde schon nach zehn Jahren entlassen. Kurz nach seiner Wiederzulassung als Anwalt trat er dann aber in die NPD ein und vertrat diese im Verbotsfahren vor dem Bundesverfassungsgericht. Es folgten neue Verurteilungen, weil er eine antisemitische Hetzschrift verfasste und den Holocaust leugnete. Als er dann 2017 vor einem drohenden Haftantritt nach Ungarn flüchtete und dort als politisch Verfolgter um Asyl bat, wollte ihn selbst Orban nicht haben und lieferte ihn aus. – Und so könnte man noch etliche andere Beispiele nennen, bei denen der linke Lack ziemlich schnell abging und bräunlicher Rost zutage trat. Trotzdem galten Mahler und die RAF in gewissen "progressiven" Kreisen noch lange als links, und wer die RAF in korrekter Übereinstimmung mit dem Strafgesetzbuch als "Bande" bezeichnete, statt verharmlosend von der "Baader-Meinhof-Gruppe" zu sprechen, riskierte mindestens so scheele Blicke wie heute, wenn er im Gender-Gaga nicht den geringsten Emanzipationswert für den weiblichen Teil der Menschheit zu erkennen vermag, sondern nur eine gräßliche Verunstaltung der deutschen Sprache. Deshalb nochmals die Frage: Muß man wirklich die Selbsteinschätzung von Kriminellen übernehmen, die sich als Linke gerieren und ihre Straftaten auch so motivieren? "Sie haben den feministisch-queeren Echtheitsstempel vergessen""Ich hab den Dreck gelesen", meinte dazu der Journalist Detlef zum Winkel, der regelmäßig für die undogmatisch-linke Wochenzeitung "Jungle World" schreibt und sich den kompletten Text des Bekennerschreibens angetan hat. "Im Unterschied zu Bürgermeister Kai Wegner schätze ich aber den politischen Background der Täter als rechtsextremistisch ein, nicht als linksextremistisch." Er begründete diese Einschätzung, dass es sich eigentlich gar nicht um Linke handele, unter anderem folgendermaßen:
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PDF Verfassungsschutz Berlin: Bericht 2024 (144 S.)