Udo Leuschner / Zur Geschichte des deutschen Liberalismus

Inhalt


"Ganze" und "Halbe"

Der deutsche Liberalismus von der französischen Revolution bis zum Vormärz

Die französische Revolution gibt der schwachen anti-feudalen Opposition in Deutschland zunächst starken Auftrieb. Sie bringt sie im weiteren Verlauf aber auch in zweifache Bedrängnis: Einmal von seiten der übermächtigen feudalen Gewalten im eigenen Land und zum anderen durch die napoleonisch-imperiale Deformierung der Revolution in Frankreich selbst. Das Schicksal Georg Forsters und anderer deutscher Jakobiner nimmt die "Tragödie des Liberalismus", von der der Historiker F. C. Sell gesprochen hat, bereits vorweg. Die Verwandlung der französischen Revolution von einer menschheitsbefreienden Tat in das imperiale Machtstreben der französischen Bourgeoisie hat wesentlichen Anteil an der spezifisch deutschen Verkrümmung des Liberalismus. Die Folgen der französischen Revolution werden in Deutschland mehr als Fremdherrschaft denn als Befreiung erlebt. Im Widerstand gegen die napoleonische Herrschaft verbünden sich die schwachen bürgerlichen Kräfte mit den legitimistischen Interessen der Fürsten. So entsteht eine schiefe Front: Mit der Fremdherrschaft wird die neue gesellschaftliche Ordnung bekämpft. Mit dem Streben nach nationaler Unabhängigkeit und Einigung verbindet sich das Interesse von Thron und Altar.

Im "Philhellenentum" der zwanziger Jahre gerät der Freiheitskampf der Griechen gegen die Türken für das Bürgertum zur Ersatzhandlung für den aussichtslosen Kampf gegen die Unterdrücker im eigenen Land. Artig motiviert der bürgerliche Untertan seine Begeisterung für den Freiheitskampf der Griechen mit der Verteidigung des Christentums gegen die Muselmanen. Beim Wartburgfest der Deutschen Burschenschaft 1817 fliegt mit den "Schandschriften des Vaterlands" auch der Code Napoleon ins Feuer. Er ist das fortschrittlichste Gesetzeswerk der Zeit. Der Turnvater Jahn verbindet heftige Kritik an der verzopften Kleinstaaterei mit glühender Begeisterung für die Monarchie, dumpfer Deutschtümelei und haßerfülltem Geifern gegen alles "Wälsche". In seinem blinden Franzosenhaß möchte er Deutschland am liebsten durch künstlich angelegte Wüsteneien mit wilden Tieren vor ausländischen Einflüssen geschützt wissen.

Ein höchst ambivalenter Rebell ist auch der Theologiestudent Karl Ludwig Sand, der sich 1819 von Jena aus aufmacht, um in Mannheim den Schriftsteller August von Kotzebue zu ermorden. Kotzebue ist sozusagen ein aufgeklärter Vertreter der Reaktion. Sein Mörder ist dagegen ein reaktionärer Vertreter der Rebellion. Sand kostümiert sich mit "altdeutscher Kleidung". In seinem Wams führt er neben den Dolchen eine herausgerissene Seite aus dem Neuen Testament mit sich. Nach vollbrachter Tat dankt er Gott auf den Knien und stößt sich die Klinge selbst in die Brust. Das schaurige Rührstück bringt die deutsche Nation in teils entsetzte, teils beifällige Wallung und liefert der fürstlichen Reaktion den Anlaß für die Karlsbader Beschlüsse.

Etwas frischeren Wind in den deutschen Liberalismus bringt erst die französische Juli-Revolution von 1830. Das Hambacher Fest von 1832 ist frei von Deutschtümelei. Die Teilnehmer bringen statt dessen unzählige Hochrufe auf Frankreich aus. Einige erhoffen sich die Befreiung gar durch direktes Eingreifen Frankreichs.

Die liberale Bourgeoisie sucht nur bedingt den Konflikt mit den alten Mächten

Der Glaube, die französische Revolution in Deutschland kopieren zu können, bleibt das tragische Mißverständnis des demokratisch-revolutionären Flügels bis 1848/49. Den "dritten Stand", der eine solche Hoffnung begründen könnte, gibt es in dieser Form nicht mehr. Neben die Masse des Kleinbürgertums und der Bauern sind die kapitalistische Bourgeoisie und der "vierte Stand" des Industrieproletariats getreten. Die Bourgeoisie aber, die führende soziale Schicht der liberalen Bewegung, sucht nur bedingt den Konflikt mit den alten Mächten. Sie hat aus den Vorgängen in Frankreich gelernt: "Die geringeren Volksklassen als solche bilden im Staate keine dauernde politische Macht, diese kann stets nur die vorübergehende sein, als Instrument einer klügeren Partei", schreibt der liberale Industrielle David Hansemann mit Blick auf die Pariser Juli-Revolution 1830 in einer Denkschrift an den preußischen König.

Der vormärzliche Liberalismus umschließt somit sozial heterogene und politisch stark differierende Kräfte. Es gibt höchst unterschiedliche Auffassungen darüber, ob eine Republik oder eine konstitutionelle Monarchie das erstrebenswerte Ziel sei, oder ob die nationale Einigung unter preußischer oder österreichischer Führung stattfinden soll. Nur in seiner Verschwommenheit, in einer allgemeinen "Tendenz", erweckt der vormärzliche Liberalismus den Anschein einer geschlossenen antifeudalen Opposition. Der Generalnenner der allgemeinen liberalen Ketzerei kann als national, anti-feudal und anti-klerikal bezeichnet werden.

Es kennzeichnet die Umstände, unter denen der deutsche Revolutionsversuch von 1848/49 stattfindet, daß in Gestalt des Kommunistischen Manifests bereits das Konzept einer proletarischen Revolution vorliegt, noch ehe die bürgerliche stattgefunden hat. Heine stellt schon 1842 bei der französischen Bourgeoisie eine "instinctmäßige Angst vor dem Communismus" fest. Der französische Bourgeois ahne, "daß die Republik heutzutage nicht mehr die Prinzipien der Neunziger Jahre vertreten möchte, sondern nur die Form wäre, worin sich eine neue, unerhörte Proletarierherrschaft mit allen Glaubenssätzen der Gütergemeinschaft geltend machen würde".

Das Kleinbürgertum zwischen Duckmäuserei und "Gesinnungstüchtigkeit"

Unter dieser historischen Konstellation ziehen sich weite Teile des deutschen Bürgertums in eine psychische Verfassung zurück, wie sie der Demokrat Ludwig Pfau in seinem 1847 veröffentlichten Gedicht "Der gute Bürger" karikiert:

Schau, dort spaziert Herr Biedermeier
Und seine Frau, den Sohn am Arm;
Sein Tritt ist sachte wie auf Eier,
Sein Wahlspruch: Weder kalt noch warm!

Der Herr Biedermeier dieses Gedichts ist ein Mann, der geistlich spricht und weltlich trachtet. Er wohnt in einem schönen Haus und leiht sein Geld auf Wucher aus. Er ist kein Freund von Steuerzahlen, verehrt aber sehr die Obrigkeit. Wird er aufs Rathaus und vors Amt gerufen, zieht er den Hut schon auf den Stufen. Am Sonntag versäumt er keinen Kirchgang. Das wäre gegen die Christenpflicht. Dafür schlummert er, wenn der Pfarrer spricht. Er ist ein Geizhals. An Nachwuchs genügt ihm ein Sohn, den er in seinem Sinne erzieht, und dem er eines Tages sein Erbe hinterläßt.

Das andere Extrem ist die betonte "Gesinnungstüchtigkeit", mit der viele Liberale ihre geistige Rückständigkeit und politische Perspektivelosigkeit überdecken. Heine hat ihr im "Atta Troll" ein Denkmal gesetzt:

Atta Troll, Tendenzbär, sittlich
Religiös; als Gatte brünstig;
Durch Verführtsein von dem Zeitgeist,
Waldursprünglich Sansculotte;
Sehr schlecht tanzend, doch Gesinnung
Tragend in der zott'gen Hochbrust;
Manchmal auch gestunken habend;
Kein Talent, doch ein Charakter!

Menschliche Exemplare des Atta Troll finden sich bis in die Führung der Radikalen. Ein Beispiel ist Gustav Struve, neben Friedrich Hecker der bekannteste Führer der badischen Revolution von 1848. Struve ist ein leidenschaftlicher Anhänger des Deutschkatholizismus, des entschiedenen Vegetariertums und der Pseudo-Wissenschaft der Phrenologie. Diese sektiererischen Züge werden ergänzt durch eine ausgeprägte persönliche Eitelkeit. Entsprechend sind die politischen Vorstellungen Struves. Seine Gesellschaftskritik erschöpft sich darin, die Königsmacht, den Erbadel, das Beamtentum, das stehende Heer, die Geistlichkeit und die Herrschaft der Finanzmagnaten als die "sechs Geißeln der Menschheit" zu brandmarken. Sein Ideal ist es, Deutschland in eine Art vergrößerter Schweiz mit 24 Kantonen zu verwandeln. In dieser "Gesinnungstüchtigkeit" kommt ein beschränkter kleinbürgerlicher Radikalismus zum Vorschein, den sich noch achtzig Jahre später die faschistische Demagogie zunutze zu machen versteht. Friedrich Engels scheint es fast vorauszuahnen, wenn er über Struves politische Vorstellungen spottet: "Könnte Deutschland sich jemals in ein solches Arkadien verwandeln, so wäre es damit auf einer Stufe seiner Erniedrigung angekommen, von der es bisher selbst in seinen schmachvollsten Zeiten keine Ahnung hatte."

Der "Gesinnungstüchtigkeit" gerät die Gesinnung zum Selbstzweck. Aus der Not der Illusion, die französische Revolution in Deutschland kopieren zu können, wird die Tugend eines nachgeborenen, schwadronierenden Jakobinertums, das nach Fürstenblut lechzt, als ginge es um ein sakrales Blutopfer statt um gesellschaftliche Veränderung. Dieser badisch-pfälzische Verbalradikalismus ist im Grunde so bieder wie der preußisch-untertänige Patriotismus. Beide vertreten dasselbe "idealische Flegeltum, das Herr Jahn in System gebracht" (Heine). Sie widerspiegeln die soziale Kopflosigkeit der kleinbürgerlichen Bewegung auf intellektuellem Gebiet und enthalten bereits den Keim der Niederlage von 1848/49.