Februar 2026

260207

ENERGIE-CHRONIK



 


Die Energie Baden-Württemberg (EnBW) betreibt über ihre Tochter Netze BW (dunkelblau) die meisten lokalen Strom-Verteilnetze in Baden-Württemberg. Im Südzipfel des Landes – zwischen Bodensee, Schweiz und Frankreich – überlässt sie dieses Geschäft jedoch aus historischen Gründen ihrer Tochter Naturenergie (grün). Deren größter Konkurrent ist die in Freiburg ansässige Badenova (orange). Dieser Kommunalversorger hat sich in gut einem Dutzend Gemeinden erfolgreich um die abgelaufenen Konzessionsverträge beworben. Die Naturenergie will aber nicht auf ihr bisheriges Geschäft verzichten. Sie zieht alle juristischen Register, um einen Betriebsübergang so lange wie möglich zu verhindern. In Weil am Rhein (gelb) mussten Stadt und Badenova erst weitgehende Zugeständnisse machen, bevor die EnBW-Tochter hre Blockadehaltung aufgab (260111). Im benachbarten Lörrach (hellblau) scheint die Naturenergie jetzt eine ähnliche Strategie zu verfolgen.

Außerdem warten noch zehn andere Gemeinden seit über sechs Jahren darauf, ihren Stromnetzbetrieb endlich der Badenova übertragen zu können. Ihre Netzgebiete sind auf dieser Karte braun markiert. Im einzelnen handelt es sich um folgende Konzessionsgebiete: Ortsteil Steinenstadt von Neuenburg (1), einige Ortsteile von Kandern (2), Efringen-Kirchen (3), Fischingen (4), Schallbach (5), Wittlingen (6), Eimeldingen (7), Binzen (8), Rümmingen (9) und Inzlingen (10). (Vergrößern)

Quelle: Energieatlas Baden-Württemberg

Konzessionsstreit zwischen EnBW und Badenova geht weiter

Der Gemeinderat der Stadt Lörrach hat am 29. Januar die Konzession für den Betrieb des städtischen Stromnetzes der Stadtnetze Lörrach GmbH & Co. KG. erteilt, an der die Stadt mit 51 Prozent und der Freiburger Regionalversorger Badenova mit 49 Prozent beteiligt ist. Das Gemeinschaftsunternehmen tritt damit die Nachfolge der EnBW-Tochter Naturenergie an (früher "Energiedienst"), deren Konzessionsvertrag seit Ende 2018 ausgelaufen ist. Wie an verschiedenen anderen Orten will die für Südbaden zuständige EnBW-Tochter Naturenergie den Verlust der Konzession aber weiterhin nicht akzeptieren. Anscheinend will sie nun auch in Lörrach zumindest eine solche Beteiligung erreichen, wie ihr dies im Januar in der angrenzenden Stadt Weil am Rhein gelungen ist.

In der Nachbarstadt hatte die neu gegründete Stromnetzgesellschaft zunächst ebenfalls zu 51 Prozent der Stadt und zu 49 Prozent der Badenova gehört. Die Stadt Weil hatte sich dann aber mit 40 Prozent und die Badenova mit 30 Prozent begnügt, um der Naturenergie ebenfalls eine Beteiligung von 30 Prozent einräumen zu können. Außerdem bekam die Naturenergie einen dreijährigen Pachtvertrag für das Stromnetz bewilligt, bevor das Pachtverhältnis bis zum Ablauf der Konzessionsdauer im Jahr 2045 auf die Badenova übergeht. Diese überaus weitgehenden Zugeständnisse machten die Stadt und ihr neuer Partner Badenova aber nur gezwungenermaßen, um einen schon seit Jahren anhängigen und ebenso zermürbenden wie kostspieligen Rechtsstreit endlich beenden zu können, mit dem die EnBW-Tochter die Rechtmäßigkeit der Konzessionvergabe anzufechten versuchte. (260111)

"Naturenergie" machte in Lörrach Druck mit der Elektroinnung und eigenen Mitarbeitern

Die Nichtverlängerung der Konzession für Lörrach schmerzt die Naturenergie noch mehr, da das Stromnetz dieser Kreisstadt das größte in ihrem Bereich ist. Als der Gemeinderat mit deutlicher Mehrheit die Konzessionsvergabe beschloss, kritisierte die Naturenergie die Ratsentscheidung unter anderem so: "Die Elektroinnung, die ebenfalls vor Ort war, hat sich klar gegen eine Vergabe an den Wettbewerber aus Freiburg ausgesprochen. Aus unserer Sicht wurde diese deutliche Position jedoch nicht ausreichend berücksichtigt."

Ebenfalls vor Ort war noch ein ganz besonderes Publikum: "50 Naturenergie-Mitarbeiter waren in ihren blauen Firmenjacken ins Lörracher Rathaus gekommen, um für ihren Arbeitgeber Druck zu machen", berichtete der Südwestrundfunk. Aber auch diese "deutliche Position" wurde von der Mehrheit des Gemeinderats ebenso ignoriert wie die Gegenstimmen von AfD und Freien Wählern.

Badenova reagierte mit geharnischter Stellungnahme

Für die Badenova war damit aber die Grenze des Zumutbaren überschritten. Am 2. Februar reagierte sie mit einer geharnischten Stellungnahme, in der es hieß:

„Seit Jahren wird ein erbitterter Kampf um Stromkonzessionen in Südbaden geführt. Dieser Kampf hat längst die Regeln eines gesunden Wettbewerbs verlassen: Die jüngsten Beispiele in der Stadt Lörrach sowie in zehn Zweckverbandskommunen zeigen, dass unser Wettbewerber Naturenergie einen Kampf gegen demokratische Normen führt. Jegliche politische Entscheidungen der letzten Jahre werden nicht nur mit juristischen Winkelzügen attackiert, sondern auch auf einer persönlichen Ebene angegriffen. Politiker werden unter Druck gesetzt und wir als Wettbewerber diskreditiert. Jedes Mittel scheint Recht zu sein.“

Ferner beklagte sich Badenova darüber, "dass Menschen im Auftrag der Naturenergie mit falschen Behauptungen hinsichtlich der wirtschaftlichen Situation unseres Unternehmens versuchten, Bürgermeister und Gemeinderatsmitglieder massiv zu beeinflussen". Hierzu lägen bereits diverse Zeugenaussagen vor. Zudem seien auch vertrauliche Unterlagen in Umlauf gebracht und mit falschem Narrativ versehen worden, wodurch der Eindruck erweckt werden solle, dass Badenova nicht fähig sei, sämtliche Aufgaben als Netzbetreiber zu erfüllen. In Wirklichkeit stehe der Regionalversorger völlig stabil da und habe die notwendigen Investitionen für die Energie- und Wärmewende für die kommenden Jahre bereits gesichert. "Gegensätzliche Behauptungen verstehen wir als Rufmord. Weil wir diese Hetzkampagne nicht weiter hinnehmen, prüfen wir aktuell Verleumdungsanzeigen gegen die handelnden Personen."

"Ja zum fairen Wettbewerb, nein zu antidemokratischem und verleumderischem Wirken"

Mit Blick auf die Naturenergie-Mutter EnBW, die sich praktisch zu hundert Prozent im Eigentum der öffentlichen Hand befindet (240506), empörte sich Badenova darüber, „wie ein Versorgungsunternehmen mit öffentlichem Auftrag, eine mehrheitliche Landestochter, demokratische Prozesse angreift. Genauso schockiert stellen wir fest, dass die Naturenergie die Stimmen der Freien Wähler und der AfD gerne annimmt.“ Und weiter: „Schockiert stellen wir fest, dass weder der landesgetragene Mutterkonzern EnBW noch die Landesregierung diesem Agieren etwas entgegensetzen. Wir fordern: Ja zum fairen Wettbewerb, nein zu antidemokratischem und verleumderischem Wirken.“

Diese Zitate sind dem "Schwarzwälder Boten" entnommen, der zu den wenigen Tageszeitungen gehört, die ihre Internet-Ausgabe noch nicht durch eine Abo-Verpflichtung oder eine andere Art von Bezahlschranke versperren (wofür man dann der schrankenlosen Nutzung der eigenen Daten für "Tracking" zustimmen muss). Die in Freiburg erscheinende "Badische Zeitung" scheint ebenfalls ausführlich aus der Stellungnahme zitiert und diese sogar veranlasst zu haben. Wegen der Bezahlschranke hat sie aber ihren früheren lokalen Informationswert für auswärtige Nutzer weitgehend verloren. Leider war es auch nicht möglich, den kompletten Wortlaut von der Badenova zu erhalten. Auf Anfrage lautete die Begründung, die Stellungnahme sei "reaktiv auf eine Medienanfrage entstanden", aber nicht als reguläre Pressemitteilung veröffentlicht worden.

Im Streit um die Konzessionsverträge von zehn Gemeinden machte Badenova inzwischen ein neues Angebot

Immerhin war Badenova aber bereit, die Frage zu beantworten, wie der Stand der Auseinandersetzung um zehn weitere Stromnetze ist, die von südbadischen Gemeinden eigentlich der Badenova übertragen wurden, aber noch immer von der Naturenergie betrieben werden, weil diese sich mit allen juristischen Kniffen gegen den Vollzug des Betreiberwechsels wehrt. Es handelt sich um Stromnetze in den Gemeinden Neuenburg, Kandern, Efringen-Kirchen, Fischingen, Schallbach, Wittlingen, Eimeldingen, Binzen, Rümmingen und Inzlingen, die größtenteils in der unmittelbaren Nachbarschaft von Lörrach und Weil am Rhein liegen (siehe Karte).

Diese zehn Gemeinden hatten 2019 ihre ausgelaufendenen Konzessionen neu ausgeschrieben und den Betrieb der Stromnetze der Badenova als günstigstem Anbieter übertragen. Die EnBW-Tochter verlangte daraufhin Akteneinsicht und glaubt etliche gravierende Verfahrensfehler zu erkennen. Mit dieser Ansicht unterlag sie indessen sowohl vor dem Landgericht Mannheim als auch vor dem Oberlandesgerichts Karlsruhe. Im Vertrauen auf diese höchstinstanzliche Entscheidung kam es im Herbst 2024 endlich zur Unterzeichnung der neuen Konzessionsverträge. Die Naturenergie weigerte sich indessen weiterhin, den Betrieb zu übertragen, weil die Entscheidung nur einen Teilaspekt betroffen haben und der ganze Streit deshalb nochmals im Hauptsacheverfahren aufgerollt und durch sämtliche Instanzen geführt werden müsse. Allem Anschein nach handelte es sich dabei um eine vorgeschobene formaljuristische Begründung, um die Herausgabe der Netze so lange wie nur möglich zu verzögern, bis die Gemeinden und die Badenova entnervt aufgeben würden. (250305)

Soweit der bisherige Stand der Dinge. Wie die Badenova nun auf Anfrage der "Energie-Chronik" wissen ließ, hat sie am 4. Februar der Naturenergie "ein neues Angebot in Schriftform gemacht, das aus unserer Sicht die Streitpunkte Kaufvertrag und Erlösobergrenze absolut befriedet". Und zwar schlage man "einen Kaufpreis mit einem Faktor zwischen 1,1 und 1,175 zum kalkulatorischen Restwert vor". Das könne die Naturenergie kaum ablehnen, weil der in dieser Skala inbegriffene Faktor 1,175 genau das sei, was sie selber dem Gericht vorgeschlagen habe. Hinsichtlich der Erlösobergrenzen habe man der Naturenergie vorgeschlagen, diesen Streitpunkt durch die Bundesnetzagentur entscheiden zu lassen. Alternativ habe man zudem noch einen Vorbehaltskauf mit gutachterlicher Überprüfung angeboten.

Anstelle der angefragten Stellungnahme vom 2. Februar, die inzwischen nicht mehr so gut zu dem zwei Tage später unterbreitetenen Verhandlungsangebot passt, bot Badenova zusammenfassend folgende "zitierfähige" Stellungnahme an:

"Wir sind nach wie vor überzeugt, dass wir Grenzüberschreitungen nicht hinnehmen dürfen. Und gleichzeitig stehen wir für das, was wir schon seit Jahren im Rahmen dieser Konzessionsstreitereien sagen und in den vergangenen Monaten immer wieder deutlich betont haben: Einen fairen Wettbewerb, der um die Sache ringt und Lösungen generiert, die für alle Seiten tragbar sind. Wir möchten den kommunalen Entscheidungen, die für uns stets Gültigkeit haben, nachkommen und die Netze in Südbaden betreiben. Erst recht, wenn sie gerichtlich bestätigt sind. Naturenergie hat uns und der Öffentlichkeit die Bereitschaft der Übergabe mehrfach signalisiert. Wir sind nun in allen Streitpunkten mit großen Schritten auf Naturenergie zugegangen. Daher freuen wir uns sehr über ein zeitnahes Annehmen des Angebots im Sinne der Bürgerinnen und Bürger im Kandertal.

(siehe auch HIntergrund)

Links (intern)

 


Hintergrund

Die "Naturenergie" riskiert ein PR-Desaster,

wenn sie in Südbaden so weiter macht

(siehe oben)

Der Aufmarsch von lohnabhängigen Mitarbeitern der "Naturenergie" im Gemeinderat von Lörrach war sicher keine gute Idee der EnBW-Tochter, um ihre geschäftlichen Ziele durchzusetzen. Auch die Allianz mit der lokalen Elektroinnung hat zumindest ein "Gschmäckle", wie man im Südwesten zu sagen pflegt. Andererseits ging auch die Badenova in ihrer verständlichen Empörung über "juristische Winkelzüge" und an "Rufmord" grenzende Methoden zu weit, wenn sie der EnBW-Tochter vorwarf, "einen Kampf gegen demokratische Normen" zu führen und "gerne" die Stimmen der rechtsextremen AfD anzunehmen, die im Gemeinderat gemeinsam mit den Freien Wählern die Konzessionsvergabe an die kommunale Netzgesellschaft aus Stadt (51 Prozent) und Badenova (49 Prozent) abgelehnt hat. Es ist deshalb verständlich, wenn sie ihre geharnischte Stellungnahme auf Anfrage nicht weiter verbreiten will. Mit dem zwei Tage später vorgelegten Verhandlungsangebot hat sie weitere Schritte zur Abrüstung unternommen, und die EnBW wäre gut beraten, dies ebenfalls zu tun.

Eine Wiederholung des Weiler Modells in Lörrach wäre nicht im Sinne von Marktwirtschaft und Wettbewerb

Der lokale Korrespondent des Südwestrundfunks hielt es am 3. Februar für die beste Lösung, wenn in Lörrach das in der Nachbarstadt Weil am Rhein vereinbarte Modell übernommen würde. So gäbe es dann keinen Streit, aus Konkurrenten würden Partner und für die Kunden ändere sich nichts. Zudem liebäugele der Lörracher Oberbürgermeister Jörg Lutz ohnehin mit dem Modell aus der Nachbarstadt.

Eine solche Sichtweise freut sicher die EnBW. Sie lässt jedoch unberücksichtigt, dass die Stadt Weil am Rhein nur deshalb einknickte und auf ihre ursprüngliche Mehrheitsbeteiligung an der kommunalen Netzgesellschaft verzichtete, weil es die Naturenergie mit ihrer jahrelangen zermürbenden Verzögerungstaktik und teilweise sicher nicht ganz stubenreinen Methoden tatsächlich geschafft hat, ebenso wie die Badenova an der Netzgesellschaft beteiligt zu werden. Überdies bekam sie noch einen Pachtvertrag für drei Jahre, bevor die Badenova bis zum Ablauf der restlichen Konzessionsdauer die Betriebsführung übernehmen kann. Das macht natürlich Appetit auf mehr. Es ist deshalb zu befürchten, dass die Naturenergie das neue Verhandlungsangebot der Badenova erst mal nicht akzeptieren wird.

Eine Wiederholung des Weiler Modells in Lörrach wäre aber nicht im Sinne von Marktwirtschaft und Wettbewerb. Und vor allem nicht im Sinne der Kommunen, die dabei ihren maßgeblichen Einfluß auf die kommunale Netzgesellschaft verlieren. So ein Verfahren erinnert eher an die Aufteilung von Pfründen unter feudalen Grundherren. Man sollte deshalb den amtierenden Oberbürgermeister vielleicht daran erinnern, dass im September 1848 vom Balkon des Lörracher Rathaus aus erstmals die "deutsche Republik" proklamiert wurde...

Der zehn Jahre andauernde Kampf gegen das KKW Wyhl beschädigte das Image der EnBW, obwohl die Fusion von Badenwerk und EVS erst später stattfand

Es gibt noch zwei andere, nicht ganz so weit zurückliegende Ereignisse in der südbadischen Geschichte, an die man in diesem Zusammenhang erinnern sollte, zumal sie unmittelbar die Energiewirtschaft und die Stromversorgung betreffen. In beiden Fällen haben sich die EnBW bzw. ihre Vorläufer-Unternehmen in weiten Kreisen der Bevölkerung sehr unbeliebt gemacht, weil sie ihre geschäftlichen Ziele ohne Rücksicht auf die Betroffenen durchzusetzen versuchten. Am Ende hat das aber nichts genutzt und sie mussten ihren Kurs korrigieren.

An erster Stelle wäre die 1973 begonnene Auseinandersetzung um das Kernkraftwerk Wyhl am Oberrhein zu nennen. Die Betreibergesellschaft des Projekts gehörte dem damaligen Badenwerk und der württembergischen EVS, die 1997 zur Energie Baden-Württemberg (EnBW) fusionierten (970504). Der erbitterte lokale Widerstand entzündete sich zunächst an Ängsten der Winzer vor einer Abschattung ihrer Weinberge durch die Dampfschwaden der Kühltürme oder an Befürchtungen vor einer unzulässigen Erwärmung des Rheins. Er wurde dann aber mit bundesweiter Unterstützung von KKW-Gegnern immer mehr zu einer grundsätzlichen Kritik an den Risiken der Atomindustrie und bewirkte schließlich zehn Jahre später den vorläufigen Stopp des Projekts. Nach der 1986 in Tschernobyl erfolgten Nuklearkatastrophe hatte das Vorhaben dann sowieso keine Chance mehr. Dennoch verzichteten die beiden EnBW-Vorläufer erst 1994 offiziell auf den Bau des Kernkraftwerks, dessen Verwirklichung der CDU-Ministerpräsident Filbinger mit knüppelharten Polizeieinsätzen an der von Demonstranten belagerten Baustelle durchzusetzen versucht hatte. Andernfalls – so drohte er – würden im ganzen Land "die Lichter ausgehen".

Bis heute sind viele der Ansicht, dass es die EnBW gewesen sei, die damals über ein Jahrzehnt lang zusammen mit der CDU-Landesregierung einen verbissenen Kampf um die Durchsetzung dieses KKW-Projekts geführt habe. Das stimmt so natürlich nicht, da Badenwerk und EVS erst elf Jahre nach Tschernobyl und drei Jahre nach dem endgültigen Begräbnis des Projekts fusioniert haben. Andererseits stimmt dieser Eindruck insoweit doch, als auch die EnBW viele Jahre noch denselben energiepolitischen Kurs wie ihre Vorgängerunternehmen verfolgte. Allerdings setzte sie nun auf sanftere Methoden, um Kernkraftwerke als unverzichtbar erscheinen zu lassen. Zum Beispiel veranstaltete sie 2006 und 2007 einen hauseigenen "Deutschen Klimakongress". Dieser war von ihrem Öffentlichkeitsarbeiter erfunden worden, um die Klimaschutzdiskussion in die Kampagne einzubinden, mit der die vier Atomstrom-Konzerne den seit dem Jahr 2002 gesetzlich festgelegten Atomausstieg zu stoppen versuchten (071014). Diese vereinten Bemühungen waren auch so erfolgreich, dass die schwarz-gelbe Bundestagsmehrheit im Oktober 2010 eine großzügige Laufzeitenverlängerung für sämtliche 17 deutschen Kernkraftwerke beschloss, die den bis dahin erzielten Ausstieg mehr als rückgängig machte (101002). Allerdings ereignete sich nur viereinhalb Monate später in Japan die Reaktorkatastrophe von Fukushima (110301). In panischer Angst vor einer Abstrafung durch die Wähler setzte die schwarz-gelbe Bundesregierung daraufhin die alte Ausstiegs-Regelung wieder in Kraft. Ausserdem verfügte sie die vorzeitige Abschaltung von acht Reaktoren mit nur noch geringen Restlaufzeiten und führte für die restlichen neun Reaktoren exakt einzuhaltende Abschaltttermine ein (110601). Damit wollte sie einen besonders schnellen Ausstieg aus der Kernenergie suggerieren. In Wirklichkeit waren beide Maßnahmen nicht nur überflüssig, sondern haben die schnellstmögliche Abarbeitung der Restlaufzeiten sogar behindert (siehe Hintergrund, März 2021).

Erst ab diesem Zeitpunkt begann sich auch der energiepolitische Kurs der EnBW zu ändern. Das lag daran, dass die seit 58 Jahren regierende CDU bei der Landtagswahl im März 2011, die zehn Tage nach Fukushima stattfand, eine vernichtende Wahlniederlage erlitt (110306). Sie verlor damit den bestimmenden Einfluss auf die EnBW, da nun eine grün-rote Landesregierung die ihr zustehenden Sitze im Aufsichtsrat des Unternehmens besetzte, das von den vier KKW-Betreibern mit sechzig Prozent den höchsten Kernenergie-Anteil an der Stromerzeugung hatte (110306). Der bisherige Vorstandsvorsitzende Villis, dem man die langfristige Umorientierung auf erneuerbare Energien nicht zutraute, wurde ein Jahr später von Peter Mastiaux abgelöst (120315).

Schon vor 30 Jahren entwanden die "Stromrebellen von Schönau" dem Naturenergie-Vorläufer KWR ein großes Konzessionsgebiet

Die bereits erwähnte KKW-Katastrophe in Tschernobyl gab auch den Anstoß dafür, dass heute in etlichen Gemeinden des Hochschwarzwalds der Strom für Licht und andere Zwecke nicht von der Naturenergie geliefert und verteilt wird, sondern von den "Elektrizitätswerken Schönau eG" (siehe Karte). Sie inspirierte nämlich den Schönauer Arzt Michael Sladek und dessen Ehefrau Ursula zur Gründung einer Bürgerinitative, die vom damaligen Netzbetreiber "Kraftübertragungswerke Rheinfelden" (KWR) verlangte, über Möglichkeiten einer atomstromfreien und generell umweltverträglicheren Energieversorgung nachzudenken. Die KWR waren nämlich nicht nur Wasserkraftwerksbetreiber, sondern auch an den Kernkraftwerken Leibstadt und Obrigheim beteiligt. Als die KWR lediglich eine höhere Konzessionszahlung an die Gemeinde Schönau anboten, verhinderten die Sladeks und ihre Mitstreiter per Bürgerentscheid die geplante vorzeitige Verlängerung des Konzessionsvertrags und gründeten eine Genossenschaft für den Betrieb des lokalen Stromnetzes, die 1995 von der Stadt die dafür notwendige Konzession bekam. Die "Stromrebellen von Schönau" erregten damit bundesweit Aufsehen (960913, 960308).

Heute sind die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) ein fast normaler Stromanbieter mit fast hundert Beschäftigten, der jedoch knapp 14.000 Genossenschaftsmitgliedern gehört und neben Strom auch Gas und Nahwärme liefert. Laut Geschäftsbericht 2024 verfügte die EWS-Gruppe, die auch bundesweit als Strom- und Gasanbieter tätig ist, insgesamt über 185.456 Stromkunden und einen Stromabsatz von 485 Gigawattstunden. Beim Gas waren es 12.788 Endkunden und 187 GWh. Über das eigene Stromnetz beliefert wurden 1.609 Netzanschlüsse mit 33 GWh. Beim Gasnetz waren es 472 Anschlüsse und 16 GWh. Die Gesamtlänge der Mittel- und Niederspannungsleitungen belief sich auf 181 Kilometer und bei den Leitungen zur Gasversorgung auf 15 Kilometer.

Die NaturEnergie AG entstand 1998 als gemeinsame Vertriebsgesellschaft für Strom aus Wasserkraft auf dem liberalisierten Energiemarkt

Als sich die Schönauer Stromrebellen vom damaligen Versorger KWR emanzipierten und ihre Energieversorgung gegen alle Widerstände selber organisierten, gehörten die drei Hochrhein-Grenzkraftwerke Rheinfelden, Laufenburg und Grenzach-Whylen sowie weitere Wasserkraftwerke der "Energiedienst Holding", die im Handelsregister des Kantons Aargau registriert war und ihrerseits mehrheitlich der schweizerischen Watt AG gehörte. Über die gemeinsame Betriebsführungsgesellschaft EnergieDienst GmbH (980910) und ein eigenes Netz versorgten sie mehr als 200.00 Stromkunden mit Schwerpunkt in Südbaden. Den mit Wasserkraft erzeugten Strom vermarkteten sie über die 1998 gegründete gemeinsame Tochter NaturEnergie AG (990524).

Auf dem nunmehr liberalisierten Strommarkt betätigte sich diese NaturEnergie AG auch bundesweit und bestückte das Dach des Wasserkraftwerks Grenzach-Wyhlen mit Solarmodulen, um publikumswirksam mit dem "ersten regenerativen Doppelkraftwerk Europas" werben zu können (990524). Außerdem verklagte sie die Stadtwerke Waldshut-Tiengen wegen Verwendung der Bezeichnung "Hochrhein-Strom", weil damit fälschlicherweise suggeriert werde, dass die Stadtwerke ihren Strom nur aus Wasserkraft am Hochrhein beziehen würden (001112). Oder sie kritisierte im eigenen Firmeninteresse das Erneuerbare-Energien-Gesetz, weil es die Einspeisevergütung für Strom aus Wasserkraft nur für Anlagen bis zu 5 Megawatt gewährte und deshalb der plante Neubau des Wasserkraftwerks Rheinfelden aus der EEG-Förderung herausfiel (000326).

Die EnBW machte aus der NaturEnergie AG zunächst eine Firma ohne Personal und ließ sie dann ganz in der Versenkung verschwinden

Im August 2002 übernahm dann die Energie Baden-Württemberg (EnBW) 76,6 Prozent an den Watt-Unternehmen bzw. der "Energiedienst Holding", die nun als neue Konzerntochter der EnBW für Südbaden und schweizerische Besitzstände fungierte (020807). Beim Amtsgericht Freiburg erfolgte die Eintragung der "Energiedienst AG", die für Erzeugung und Vertrieb zuständig wurde sowie über die Tochter "ED Netze GmbH" die Verteilernetze betrieb. Aus der NaturEnergie AG wurde nun eine Art Briefkasten der Energiedienst Holding (EDH) für den Handel mit Strom aus regenerativer Erzeugung. Wie aus ihren Jahresberichten im "Bundesanzeiger" hervorgeht, schloss sie mit der Alleingesellschafterin EDH einen "Betriebsführungsvertrag, der beinhaltet, dass unsere Gesellschaft kein eigenes Personal beschäftigt, sondern die Geschäfte der Gesellschaft durch das Personal der EDH erledigt werden und uns die dafür anfallenden Kosten zuzüglich eines Gewinnzuschlags in Rechnung gestellt werden". Ab November 2016 wurde dieses Unternehmen, das keinen einzigen Mitarbeiter beschäftigte und im Grund nur eine Vertriebsmarke war, auf die Energiedienst AG verschmolzen. Die NaturEnergie AG verschwand damit vorerst als rechtliches Konstrukt.

Ab 2023 wusste die EnBW-Tochter den Namen "Naturenergie" neu zu schätzen und entdeckte, dass ihre Firmengeschichte bis ins Jahr 1894 zurückreicht

Im Jahr 2023 folgte aber eine glänzende Wiederauferstehung: Der Firmennname Naturenergie AG wirkte anscheinend aus Sicht der EnBW – die längst dem Atomstrom abgeschworen hatte und nun ganz auf Erneuerbare Energien gepolt war – inzwischen so attraktiv, dass sie ihn für das gesamte Geschäft ihrer Tochter verwenden wollte. Jedenfalls wurde nun im schweizerischen Handelsregister die bisherige Energiedienst Holding GmbH durch die Naturenergie Holding AG ersetzt. Zugleich wurde im Freiburger Handelsregister aus dem Netzbetreiber ED Netze GmbH die naturenergie netze GmbH. Das Vertriebsgeschäft übernahm die neu gegründete naturenergie hochrhein AG als Nachfolgerin der bisherigen Energiedienst AG. Sie verfügte damit über deren Beteiligungen an drei Laufwasserkraftwerken am Hochrhein sowie am Pumpspeicherkraftwerk Schluchsee und bezog von diesen den Strom zu Gestehungskosten.

Im Handelsregister Freiburg wurde die naturenergie hochrhein AG als Nachfolgerin der Energiedienst AG eingetragen, die ihrerseits formal die Nachfolge der einstigen Kraftübertragungswerke Rheinfelden AG angetreten hatte. Die Aufnahme ins Handelsregister erfolgte sogar unter dem angeblichen Eintragsdatum 28.12.1894 (gefolgt von dem üblichen Hinweis: "Beim Eintragsdatum kann es zu systembedingten, fehlerhaften Angaben kommen.") Damit sicherte sich das neue Unternehmen eine scheinbar bis ins Jahr 1894 reichende Firmengeschichte, als in Berlin die von Emil Rathenau geschaffene "Allgemeine Electricitäts-Gesellschaft" (AEG) die Kraftübertragungswerke Rheinfelden AG gegründet hatte und ins Freiburger Handelsregister eintragen ließ, um das erste große Wasserkraftwerk am Hochrhein zu errichten.

"Seit 1898 erzeugen wir unseren eigenen Ökostrom in Wasserkraftwerken am Hochrhein und im Südschwarzwald", heißt es deshalb heute auf der Internet-Seite der naturenergie hochrhein AG. Daneben sieht man das Bild einer jungen Schönheit, die strahlend diese frohe Botschaft überbringt, als ob sie die Ur-Ur-Ur-Enkelin von Emil Rathenau wäre. Und auch das Gesamtunternehmen klärt die Besucher seiner Internet-Seite darüber auf, über welch lange und ehrwürdige Tradition es verfüge: "Die Anfänge der naturenergie Gruppe reichen bis in das Jahr 1894 zurück."

Einheitliches Corporate Design kann auch seine Tücken haben

Meistens verwenden sowohl das Gesamtunternehmen Naturenergie Holding AG als auch die naturenergie hochrhein AG nur die verkürzte Firmenbezeichnung Naturenergie AG. Auch die naturenergie netze GmbH, die wegen der Entflechtungsvorschriften etwas penibler mit ihrem amtlichen Namen umgehen muss, präsentierte sich auf den Firmenjacken ihrer Mitarbeiter nur mit Naturenergie, als diese plötzlich ein so lebhaftes Interesse an der Sitzung des Lörracher Gemeinderats bekundeten...

Eine solche Vereinheitlichung des Firmenauftritts hat unter PR-Gesichtspunkten Vorteile im Sinne eines Corporate Designs. Sie hat aber auch ihre Tücken, wenn durch einzelne Firmen oder Abteilungen das Image des ganzen Konzerns getrübt wird. Oder umgekehrt: Wenn auf der obersten Ebene einer Gruppe falsche Entscheidungen getroffen werden, die dann wichtige Firmen oder Abteilungen ausbaden müssen, indem deren Geschäftserfolg darunter leidet. Letzteres ist im vorliegenden Fall zu befürchten, denn die Hartnäckigkeit, mit der die EnBW ein gutes Dutzend Kommunen seit Jahren daran hindern will, ihre ausgelaufenen Konzessionsverträge anderen Netzbetreibern zu übertragen, bringt ihrer südbadischen Tochter Naturenergie Holding AG und speziell deren Töchtern naturenergie hochrhein AG und naturenergie netze GmbH gewiss keine Sympathie-Punkte ein. Dadurch erhoffte oder sogar erzielte Mehrerlöse im Netzgeschäft könnten schnell durch Kundenverluste im Vertriebsgeschäft wieder verloren gehen.

Die EnBW sollte deshalb aufpassen, dass aus ihrer Prozesshanselei kein PR-Desaster wird. Der noch amtierende Ministerpräsident Kretschmann (Grüne) hat es zwar abgelehnt, sich in das operative Geschäft der EnBW einzumischen, womit er völlig recht hat. Die von der Landesregierung und dem Kommunalverband OEW entsandten Aufsichtsräte sowie auch die der EnBW-Beschäftigten kann aber niemand hindern, sich der Sache anzunehmen. Es ist sogar ihre Verpflichtung, das Wohl des Gesamtunternehmens im Auge zu behalten.