Sehn-Sucht: 26 Essays zur Dialektik von Nostalgie und Utopie

Vorwort


"Altdeutsch" statt neugotisch

Weshalb Kaiser Wilhelm II. den Hohenzollern nicht mochte und sich die Hohkönigsburg im Elsaß erbauen ließ

Am 3. Oktober 1856 wurde nach sechsjähriger Bauzeit im Beisein von Friedrich Wilhelm IV. das Richtfest für die Burg Hohenzollern gefeiert. Der Neubau auf den Fundamenten der ehemaligen schwäbischen Stammburg des regierenden Herrscherhauses sollte zu einer steinernen Apotheose des preußischen Herrscherhauses und seines Machtanspruchs werden. Der Schinkel-Schüler Stillfried, dem die Bauleitung übertragen worden war, gestaltete ihn zur dreidimensionalen Verklärung der "Hohenzollern-Legende", welche die preußischen Hofhistoriker zusammengezimmert hatten, um die ganze deutsche Geschichte in Preußens Gloria enden zu lassen. Er entwarf ein Ausstattungsprogramm mit zahlreichen Historienbildern, Porträts, Skulpturen, Inschriften, Wappen und Stammtafeln, das aus heutiger Sicht wie ein bunter Reklameprospekt für Monarchie und Kirche anmutet. Es war der Versuch, mit den damals zur Verfügung stehenden Techniken die "Hohenzollern-Legende" in dinglicher Gestalt zu visualisieren.

Jedoch lassen sich weder der Burgenbau noch sonstige "byzantinische" Neigungen Friedrich Wilhelms allein mit staatspolitischem Kalkül und schlichten Manipulationsabsichten erklären. Die mystische Frömmigkeit des Prinzen und Königs war sicher nicht nur geheuchelt. Sie war kein "sacrificium intellectus"auf dem Altar der Staatsräson, sondern entsprang dem Zeitgeist, wie ihn Overbeck, Cornelius und andere Nazarener in ihren Gemälden zum Ausdruck brachten. Sie war so authentisch wie die mystischen Neigungen seines Vor-Vorgängers Friedrich Wilhelm II., der sich 1781 in den Orden der Gold- und Rosenkreuzer aufnehmen ließ. In beiden Fällen erlagen die Könige ideologischen Strömungen, die grundsätzlich bürgerlichen Charakter trugen. Wo sie diese für restaurative Zwecke nutzen zu können glaubten und bewußt auch nutzten, wie in der Schulaufsicht, waren sie sozusagen Betrüger und Betrogene in einer Person. Wie die Könige im Märchen, die den Idealmenschen jenseits aller Bedrückung und Arbeitsteilung verkörpern, waren Friedrich Wilhelm IV. oder Ludwig II. die psychischen Exponenten jener bürgerlichen Entwicklung, die sie subjektiv ablehnten oder gar rückgängig zu machen versuchten. Ihre prominente Stellung prädestinierte sie zu Verstärkern des herrschenden geistigen Klimas und zur Antizipation von Bewußtseinszuständen, die erst viel später bei der breiten Masse der Bevölkerung manifest wurden. Dieses Moment ist es auch, was Ludwigs "Königsschlösser" heute zur weltweiten Attraktion macht und Neuschwanstein als verkleinerte Verdinglichung eines dinglichen Traums sogar in zahlreichen Schrebergärten wiederfinden läßt. In ähnlicher Weise wird heute die Burg Hohenzollern von der Masse des Publikums ganz naiv als "Märchenschloß" oder gar als historische Burg rezipiert.

Die soziale Ambivalenz der Nostalgie, aus der sich Friedrich Wilhelm IV. die Festigung von Thron und Altar in der Realität erhoffte und Ludwig II. ein absolutes Königtum in seinen Träumen errichtete, läßt sich am Beispiel der Ideologie der altdeutschenKleidung studieren. Von der Einweihung der Burg Stolzenfels 1842 bis zur Einweihung der Hohkönigsburg im Elsaß 1908 durch Kaiser Wilhelm II. pflegten die preußischen Potentaten die Statisten ihrer verdinglichten Träume in deutschtümelnd-historisierende Kostüme zu stecken. - Aber auch der Theologiestudent Karl Ludwig Sand hatte sich "altdeutsch" kostümiert, als er 1819 in Mannheim den Schriftsteller August von Kotzebue als Repräsentanten des verhaßten Metternich-Regimes ermordete. Gustav Struve, Friedrich Hecker und andere Vertreter der Revolution von 1848/49 zeigten sich ebenfalls gern im altdeutschen Rock, um ihre revolutionäre Gesinnung zu demonstrieren. Richard Wagner beteiligte sich aktiv am revolutionären Kampf von 1849, bevor er sich als Spezialist für Altdeutsches auf der Bühne in den Dienst der Restauration stellte. Eine ausführlichere Analyse dürfte belegen, daß die Ideologie des "Altdeutschen" primär eine Ideologie des deutschen Bürgertums war, die sich unter anderem aus dem Ossian nährte. Erst im Zuge der Befreiungskriege gegen Napoleon und besonders nach der nationalen Einigung unter preußischem Zepter gewann sie ihren späteren reaktionären Charakter: Im Unterschied zu den demokratisch-republikanischen Forderungen ließ sich die nationale Symbolik von der noch immer am Ruder befindlichen Feudalklasse und ihren großbürgerlichen Verbündeten gefahrlos adaptieren und sogar zur Legitimation ihrer Herrschaft verwenden.

Aus dieser Adaption des "Altdeutschen" zur Staatsideologie erklärt sich auch die Geringschätzung, die der englisch-neugotischen Burg Hohenzollern schon wenige Jahre nach der 1867 erfolgten Fertigstellung zuteil wurde. Noch 1878 pries der württembergische Hofschriftsteller Eduard Paulus die Burg als eine Schöpfung, die nach Jahrhunderten noch Bewunderung erregen wird. Aber schon 1893 zeigte sich Kaiser Wilhelm II. bei einer Besichtigung derart fassungslos, daß er die Burg in Ordnung zu bringen wünschte und sogar eine völlig neue Wiederherstellung in Erwägung zog. Der Architekt Gabriel Seidl, der um entsprechende Vorschläge gebeten wurde, bezeichnete die Burg als derart verpfuscht, daß nur die Möglichkeit bleibe, sie abzureißen und neu aufzubauen. 1

Der ideologische Paradigma-Wechsel der achtziger Jahre, der den Hintergrund dieses Geschmackswandels bildete, umfaßte freilich noch weit mehr als die Adaption des "Altdeutschen" durch die herrschenden Kreise. Inzwischen war die kalte Pracht des Historizismus, mit der das gründerzeitliche Bürgertum sein verdinglichtes Bewußtsein dekorierte, gründlich in Verruf geraten. Vor allem die junge Generation wollte den industriell hergestellten Abklatsch von Gotik, Renaissance und Barock nicht mehr sehen. Sie sehnte sich nach dem Echten und auch nach der authentischen Erfahrung von Vergangenheit. Dieser Edel-Nostalgie, die schließlich zum Jugendstil führte, konnte der vom englischen "gothic style" inspirierte Bau auf dem Hohenzollern nicht mehr genügen. Er wurde nun als unecht empfunden, da die Ansprüche an historische Detailgetreuheit höher geschraubt worden waren. Aus Wilhelm II. sprach also - wie so oft - nur der ganz banale Zeitgeist, wenn er das Werk seiner Vorgänger derart schroff ablehnte.

Welche Blüten diese Edel-Nostalgie ihrerseits trieb, macht gerade Wilhelm II. deutlich. Seine Auftritte in historischer Maskerade - sei es für kitschige Gemälde vor dem Hofmaler oder in der Realität wie bei seinem Einzug nach Jerusalem - grenzten schon für Zeitgenossen ans Lächerliche.

Eine ähnliche Geistesverfassung zeigte übrigens Ludwig II., der die Fiktion einer Bühnen-Inszenierung nur unter der Voraussetzung vollkommener Authentizität genießen konnte. Die Ausstattung eines Bühnenstücks mußte für ihn bis ins Detail historisch getreu sein. Er schickte deshalb die Dekorationsmaler des Meininger Hoftheaters bis in die Schweiz oder nach Frankreich, damit sie ihm authentische Kulissen für den Wilhelm Tell oder die Jungfrau von Orleans malen konnten. Ebenso grotesk war es, wie er beim Bau des Schlosses Neuschwanstein (1869 - 1886) auf der originalgetreuen Verdinglichung seiner Hirngespinste bestand: Die Maler, welche an den Bildern im dritten Stock malen (aus der Edda) müssen sich genau an die Sage halten und dürfen sich keine Willkürlichkeiten erlauben. Es kommt S. M. vor, als wenn das Bild "Tod Siegfrieds" nicht genau nach der Sage gemalt wäre. 2

Kaiser Wilhelm II. baute sich ein Neuschwanstein nach eigenem Geschmack in Gestalt der Hohkönigsburg im Elsaß. Die Ruine war ihm gelegentlich eines kaiserlichen Besuchs in dem neuen "Reichsland" von der Stadt Schlettstadt als Geschenk angeboten worden. Er nahm dankend die Gelegenheit wahr, Eigentümer einer der größten und besterhaltenen deutschen Burgen zu sein, deren Steine uns das Wesen deutscher Ritterherrlichkeit aus längst vergangenen Zeiten verkünden. 3

Bis 1908 errichtete der einschlägig erfahrene Bodo Ebhardt eine Burg, wie sie in die Vorstellungen Seiner Majestät paßte: Nicht märchenhaft-prunkvoll, wie Hohenzollern, sondern märchenhaft-trutzig, wie es der militaristischen Ideologie des wilhelminischen Deutschland und zugleich der prätentiösen Schlichtheit der spirituellen Reformgeisterei um die Jahrhundertwende entsprach.

Das Architekturtheater sollte nebenbei den preußisch-deutschen Anspruch auf Elsaß-Lothringen unterstreichen. Noch nach dem ersten Weltkrieg waren für den Architekten Bodo Ebhardt die Hohkönigsburg und andere elsässische Burgen der beste Beweis gegen die Lügen der Feinde Deutschlands, daß das Elsaß jemals etwas anderes als ein urdeutsches Land gewesen sei. 4 Die Abgeordneten des elsässisch-lothringischen Landtags folgten dennoch nur zähneknirschend - la mort dans lâme, wie einer auf französisch formulierte - dem Ansinnen, die Hälfte der immensen Baukosten von 1,4 Millionen Mark zu bewilligen. Der Kaiser zeigte sich erkenntlich, indem er wenigstens den verhaßten "Diktaturparagraphen" aufheben ließ.

Zur Einweihung, die am 13. Mai 1908 bei strömendem Regen stattfand, ging der übliche historische Mummenschanz über die Bühne. Der Kaiser erschien in weißer Kürassieruniform. Von historischer Detailgetreuheit war aber auch die Hohkönigsburg ziemlich weit entfernt, obwohl dem Architekten Ebhardt ein ganzer Stab von Historikern und Archäologen beigegeben worden war. Sie entsprach nur ziemlich akkurat dem Stand des zeitgenössischen Bewußtseins.

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