Sehn-Sucht: 26 Essays zur Dialektik von Nostalgie und Utopie

Vorwort


Die Tagträume des Thomas Chatterton

Wie ein phantasierender Knabe die Bürger der Stadt Bristol zum Narren hielt

Bei denen, die in ärmlichen und gedrückten Verhältnissen leben mußten, fiel das gothic revival ebenfalls auf fruchtbaren Boden. Das eindrucksvollste Beispiel für die Flucht aus einer tristen Realität in ein idealisiertes Mittelalter bietet der Knabe Thomas Chatterton, der zahlreiche Dokumente und Gedichte angeblich mittelalterlichen Ursprungs fabrizierte, bevor er aus Verzweiflung Selbstmord beging. 1

Thomas Chatterton wird 1752 in Bristol geboren. Sein Vater ist kurz vor der Geburt gestorben. Die Mutter schlägt sich als Näherin durch. Der etwas wunderliche Knabe zeigt schon mit zehn Jahren ein außergewöhnliches dichterisches Talent. Er träumt viel und liest alles, was ihm in die Hände fällt. Den Hauptgegenstand seiner Phantasien bilden aber bald alte Papiere, die 1727 in einer Kirche Bristols gefunden worden sind. Man hatte damals in einem Bodenraum der Kirche fünf alte Truhen aufgebrochen, weil man annahm, darin wichtige Schriftstücke zu finden. Besonders galt diese Erwartung einer Truhe aus der Hinterlassenschaft des Kaufherrn und Bürgermeisters William Canynges, der 1474 gestorben war. Als sich diese Hoffnungen nicht erfüllten, waren die Papiere achtlos ihrem Schicksal überlassen worden. Unter anderen hatte sich der Totengräber Chatterton aus den Truhen bedient. Von ihm, dem Großvater, waren die Schriftstücke in den Besitz des Vaters gelangt. Das starerke Papier fand im Haushalt der Chattertons vielfältige Verwendung für Einbände, Zwirnkarten oder Kleiderschnitte. Es heißt, der junge Thomas habe anhand der zuhause herumliegenden Schriftstücke sogar das Lesen erlernt. Später benutzt er sie als Manuskriptpapier: Auf die freien Ränder kritzelt er erfundene Dokumente und Gedichte aus dem Mittelalter. Als er das Ergebnis seinem Lehrer vorlegt, kann dieser das Geschriebene zwar nicht entziffern, ist aber von der Echtheit der angeblichen mittelalterlichen Dokumente überzeugt.

Nach der Schule beginnt Thomas Chatterton 1767 eine siebenjährige Lehre bei einem Advokaten. Dies bedeutet, daß er Mittagstisch und Schlafkammer mit den Bediensteten des Advokaten teilt und von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends in der Kanzlei sein muß. Dennoch hängt er weiter seinen Tagträumen nach. Er erfindet jetzt einen Priester namens Thomas Rowley, der um das Jahr 1460 in Bristol gelebt habe; einen fiktiven Namensvetter also, ein mittelalterliches alter ego. Diesen Thomas Rowley macht er zum engsten Freund jenes William Canynges, dessen Truhe seinerzeit in der Kirche geöffnet worden war. Mittels erdichteter Urkunden und Verse konstruiert Chatterton eine regelrechte Lebensgeschichte der beiden Gestalten, die er als überaus hochherzig und wohltätig darstellt. Rowley fällt dabei die Rolle eines Chronisten und Laureaten von Canynges zu, der alle bedeutenden Momente im Leben des Kaufmanns und Bürgermeisters verherrlicht und von diesem dafür fürstlich belohnt wird.

Offenbar kompensiert Chatterton mit seinen Tagträumen die Armseligkeit seiner Existenz, die er als bedrückend empfindet. Die Schwärmerei fürs Mittelalter entspricht dem Zeitgeist. Dem "gothic revival" geht es auch weniger um eine Neuentdeckung des tatsächlichen Mittelalters als um die rückwärtsgewandte Verklärung einer Wunschzeit. Das Mittelalter dient als Projektionsfläche fürer die Konflikte und Sehnsüchte der bürgerlichen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts. Wie kurz dabei der Weg vom Wunschdenken zur Fälschung ist, zeigt zur selben Zeit "Das Schloß von Otranto", das selbst ein so hochangesehener Mann wie Horace Walpole zunächst als Produkt eines vergangenen Jahrhunderts ausgab. Eine andere Fälschung, die damals Furore macht und erst Mitte des 19. Jahrhunderts entlarvt wird, sind die Papiere des Mönchs von Cirencester, die ein gewisser Charles Bertram 1747 dem bekannten Altertumsforscher William Stukeley andreht und die lange Zeit als äußerst wertvolle Quelle über das Britannien der Römerzeit gelten.

So kann es sogar zur Fälschung innerhalb der Fälschung kommen: Chatterton läßt seinen erfundenen Priester Thomas Rowley unter anderem auch Papiere aus dem Besitz just jenes "Mönchs von Cirencester" entdecken, dessen angebliche Aufzeichnungen über die Römerzeit 1757 durch Stukeley veröffentlicht wurden und die deshalb in aller Munde sind.

Doch ist es letzten Endes die leichtgläubige Mitwelt, welche die Tagträume des fünfzehnjährigen Knaben in Fälschungen verwandeln hilft. Ein wichtiges Ereignis bildet dabei die Einweihung einer neuen Brücke in Bristol, die eine alte Brücke aus dem 13. Jahrhundert ersetzt. Kurz nach der Eröffnungszeremonie im September 1768 übergibt Chatterton dem "Bristol Weekly Journal" eine Beschreibung des Ersten Übergangs des Bürgermeisters über die alte Brücke, die angeblich einem alten Manuskript entstammt. Der Knabe gibt sich dabei als Überbringer eines gewissen Dunelmus Bristoliensis aus. Das angebliche Dokument schildert in der farbenprächtigsten Weise die Eröffnung der Vorgänger-Brücke, den damaligen Zug von Priestern, Ratsherren und Wappenherolden, und wie der Bürgermeister auf weißem Pferd und mit einem goldenen Stab in der Hand vorangeritteern sei. Chatterton erfindet innerhalb der Zeremonie sogar eine weitere Zeremonie, mit der einer angeblich noch älteren Vorgänger-Brücke aus Holz gedacht worden sei. Die Redaktion veröffentlicht den Text und streicht lediglich die lyrischen Einlagen. Das angebliche Dokument erregt Aufsehen. Auf nachdrückliches Befragen gibt Chatterton zu, selbst jener "Dunelmus Bristoliensis" zu sein. Zugleich behauptet er, es handele sich um die Kopie einer alten Handschrift, die er zuhause unter den Beständen aus der Kirchentruhe gefunden habe.

Die erfundene Brücken-Einweihung hat auch ein wohlhabender Zinngießer namens George Symes Catcott gelesen. Sie schmeichelt seiner Eitelkeit, denn aus einem "Spleen" heraus ist er am 6. Juni 1768 auf eigens gelegten Brettern über die noch unfertige Brücke geritten, um sagen zu können, als erster das neue Bauwerk benutzt zu haben. Der Zinngießer ist ein gutmütiger und ehrenhafter, aber ziemlich beschränkter und eitler Mensch. Da er einer Gelehrtenfamilie entstammt, hält er sich für verpflichtet, auch Interesse für Historie bekunden zu müssen. Dieser Catcott also läßt nun Chatterton zu sich kommen und äußert den Wunsch nach weiteren solchen mittelalterlichen Handschriften. Für Chatterton muß es verlockend sein, durch den gesellschaftlichen Kontakt mit dem wohlhabenden und angesehenen Bürger seine eigene ärmliche Existenz aufwerten und ihr vielleicht sogar entfliehen zu können. Jedenfalls liefert er Catcott zwei Wochen später eine 98 Verse umfassende Tragödie von Bristow und andere angebliche alte Handschriften.

In ähnlicher Weise bedient Chatterton andere Bürger der Bristoler Gesellschaft, die er in der Folge kennenlernt. Zu ihnen gehört der Wundarzt William Barrett, ein Bekannter Catcotts, der Material für eine Geschichte seiner Heimatstadt Bristol sammelt. Chatterton fabriziert speziell für den Heimatforscerher zahlreiche Dokumente über Bauten der Stadt sowie eine vollständige Beschreibung von Bristol aus dem 11. Jahrhundert, die ursprünglich ein Mönch namens Turgot verfaßt und der Priester Thomas Rowley im 15. Jahrhundert aus dem Angelsächsischen ins Englische übersetzt haben soll. Ebenso läßt er den Thomas Rowley ein von Turgot geschriebenes Gedicht über Die Schlacht von Hastings übersetzen. Als Barrett das Original zu sehen wünscht, ist es Chatterton anscheinend leid, seinen Autorenstolz weiterhin zu verleugnen. Er gesteht Barrett, selbst der Urheber zu sein. Sein Gönner glaubt ihm jedoch kein Wort. Im unerschütterten Glauben an die Echtheit der Dokumente veröffentlicht Barrett im Frühjahr 1789 sein Werk über "Geschichte und Altertümer der Stadt Bristol", an dem er über dreißig Jahre lang gearbeitet hat. Zweifel kommen ihm erst, nachdem das Werk allenthalben Widerspruch und Heiterkeit auslöst. Barrett stirbt darauf im Herbst desselben Jahren - vermutlich infolge der erlittenen Enttäuschung.

Wie sehr das "gothic revival" den Defiziten und Sehnsüchten der neuen bürgerlich-kapitalistischen Ära entspricht, zeigt auch der Fall von Catcotts Geschäftspartner Henry Burgum, dem Chatterton zu hochadeliger Abstammung verhilft. Den psychologischen Hintergrund bildet dabei, daß Burgum aus einfachen Verhältnissen stammt, die er als Makel empfindet, nachdem er es zu bürgerlichem Wohlstand gebracht hat. Man kann sich seine Freude vorstellen, als ihm Chatterton feierlich mitteilt, er sei mit den ersten Edelleuten des Landes verwandt. In den entsprechenden Dokumenten verleiht Chatterton sogar Burgums profanem Geschäft als Zinngießer die höhere Weihe, indem er bereits einen Vorfahren namens De Bergham unter Heinrich VI. Alchemie treiben und sich mit Metallen befassen läßt.

Auch der Geistlichkeit ist Chatterton zu Diensten. Alexander Catcotert, ein Bruder des Wundarztes, ist nämlich Vikar an der Templerkirche. Er hat 1761 ein Werk veröffentlicht, in dem er mit großem Aufwand an gelehrten Theorien und auf Grundlage einer rationalen Theologie den Beweis für Schöpfung und Sintflut erbrachte. Ein Rätsel bleibt dem Vikar dagegen der schiefe Turm seiner Templerkirche. Durch Chatterton erfährt er, das sich bereits der Priester Thomas Rowley mit diesem Problem beschäftigt und dessen Vorgeschichte zu Papier gebracht habe: Ein italienischer Baumeister habe bei Errichtung der Kirche im 13. Jahrhundert die Warnungen einheimischer Fachleute vor dem sumpfigen Gelände in den Wind geschlagen.

In diese Falsifikate gehen jedoch nicht nur die Sehnsüchte der Bristoler Bürger ein, sondern ebenso die ihres Urhebers. Es handelt sich um psychologische Vexierbilder, die je nachdem als Nostalgie oder Utopie verstanden werden können. Für das saturierte Bürgertum bietet die Scheinwelt des Mittelalters einen Ersatz für ideelle Werte, die in der Realität der kapitalistischen Gesellschaft keinen Platz mehr haben und die auch in der rationalen Theologie der anglikanischen Staatskirche nur noch ein Schattendasein führen. Die tonangebende Klasse kompensiert so ihre psychischen Defekte und Defizite. Für Chatterton sind diese Falsifikate dagegen eher ein Mittel, seinen kümmerlichen sozialen Verhältnissen zu entrinnen. Sie entspringen dem verzweifelten Bemühen, sich zumindest geistig über diese Verhältnisse zu erheben, womöglich aber auch seinen dichterischen Genius materiell anerkannt zu sehen. Mit Thomas Rowley und William Canynges erdichtet sich Chatterton die hochherzigen, edelmütigen und freigebigen Gestalten, welche die Gegenwart vermissen läßt. Es ist sicher kein Zufall, daß sein William Canynges den Laureaten Thomas Rowley immer wieder reichlich mit Lob und Geld bedenkt. Allein für die Übersetzung der "Schlacht von Hastings" erdarf Rowley zwanzig Pfund in Empfang nehmen - im Gegensatz zu den eher kümmerlichen Entlohnungen, die der reale Urheber Chatterton von seinen Gönnern aus der Bristoler Bourgeoisie empfängt. Zum Beispiel läßt sich Burgum den Nachweis seiner adeligen Abstammung ganze fünf Shilling kosten. Eine weitere Krone rückt er erst heraus, nachdem ihm Chatterton den Stammbaum nochmals erweitert hat...

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