PresseBLICK-Rezensionen Politik, Zeitgeschehen



Viviane Forrester

Der Terror der Ökonomie

216 S., DM 36.-, Paul Zsolnay Verlag 1997


Frankreich ist eigentlich ein recht konservatives Land. Daß die französischen Wähler vor kurzem eine Regierung aus Sozialisten, Kommunisten und Grünen ins Amt gehievt haben, widerspricht dieser Feststellung nicht: Dies geschah nämlich in der Erwartung, daß die rot-grüne Koalition den status quo verteidigen und so die verläßlichste Garantie gegen revolutionäre Veränderungen der Gesellschaft bieten werde, wie sie heute - so ist die Ironie der Geschichte nun mal - nicht vom weltweiten Aufstand der Besitzlosen, sondern vom weltweiten Durchmarsch rein marktorientierter Konzepte droht.

Nur vor diesem Hintergrund ist auch zu verstehen, weshalb das vorliegende Buch in Frankreich, wo sich Verlage und Autoren sonst noch schwerer tun als bei uns, zu einem Bestseller werden konnte. In kurzer Zeit wurden 300 000 Exemplare verkauft. Dabei bietet es so gut wie nichts, was theoretisch anspruchsvolle Köpfe befriedigen könnte. Die Verfasserin gibt auch gar nicht vor, eine Wirtschaftsexpertin zu sein. Sie ist vielmehr Romanautorin und hat sogar den Titel ihres Buches (im Original: "l’horreur économique") einem Gedicht von Arthur Rimbaud entlehnt.

Es grenze an Heldenmut, schreibt sie, heute noch solche archaisch anmutenden Worte wie Profit, Proletariat, Kapitalismus, Ausbeutung und Klassen zu verwenden. Wer wolle schon freiwillig die Rolle des desinformierten Einfaltspinsels übernehmen, der mit Daten und Fakten aus der Steinzeit argumentiert? - Und dennoch würden die Verhältnisse genau nach solchen Wörtern lechzen, die ungerechtfertigterweise auf dem Index stünden, während man ihren Inhalt nie wirklich zur Kenntnis genommen habe.

Die Autorin versucht aber keine Neuauflage der linken Kapitalismus-Kritik und bemüht auch nicht weiter deren Vokabular. Soweit ihr "Terror der Ökonomie" an historische Vorbilder gemahnt, ist es eher die Tonlage eines Rousseau oder eines Victor Hugo. Auch weist ihre Literaturliste kein einziges Werk von Marx oder Engels auf, wohl aber das satirische "Recht auf Faulheit" aus der Feder des Marx-Schwiegersohns Paul Lafargue, der den strenggläubigen Anhängern des Schwiegerpapas immer als unsicherer Kantonist und unverbesserlicher Anhänger des Sozialromantikers Proudhon gegolten hatte.

Seinen Erfolg dürfte das Buch eben dieser sozialromantischen Komponente zu verdanken haben. - Wobei das Wort Romantik nicht abwertend gemeint ist, sondern für die geistige Gegenbewegung zu einer gesellschaftlichen Wirklichkeit steht, die für viele unerträglich geworden zu sein scheint. Den Part der verkalkten, platt rationalistischen, zum "Aufkläricht" verkommenen Aufklärung, die Anfang des 19. Jahrhunderts die romantische Gegenbewegung auslöste, übernimmt dabei der Neoliberalismus, dessen Anhänger nach dem Zusammenbruch der östlichen Systemkonkurrenz weltweit auftrumpfen und für die der Wettbewerb - oder weniger freundlich: der Profit - das Maß aller Dinge zu sein scheint.

"Etwas Totalitäres bedroht uns"

Die Autorin fühlt sich durch die Verfechter der neoliberalen Prinzipien an Monsieur Homais erinnert - den Apotheker aus Flauberts "Madame Bovary", der mit seinen fortschrittlich-antiklerikalen Parolen eher den Aufkläricht als die Aufklärung vertritt. Nicht in Richtung von Freiheit und Fortschritt gehe der Zug: "Etwas Totalitäres bedroht uns. Etwas Schreckenerregendes." Es bahne sich eine Entwicklung an, die wie der "entwendete Brief" in der Erzählung von Edgar Allan Poe gerade deshalb nicht zur Kenntnis genommen werde, weil sie für jedermann offen zur Schau gestellt werde. Angesichts der neuen Situation seien deren Opfer wie deren kurzfristige Nutznießer mit derselben Blindheit geschlagen.

Viviane Forrester behauptet nicht - und das unterscheidet sie von der ebenfalls oft sehr romantisch gefärbten Kapitalismus-Kritik der traditionellen Linken - , daß sie über eine klare Diagnose des Übels und die besseren Rezepte verfüge. Sie nimmt aber in Anspruch, wie weiland Kassandra das drohende Unheil zu erkennen, das keiner sonst wahrhaben will. Und damit trifft sie eine massenhaft verbreitete Stimmung, wie der Erfolg des Buches beweist. Insofern ist sie eben doch keine Kassandra: Während die Kommunitarismus-Diskussion oder neomarxistische Prophezeiungen vom "Kollaps der Modernisierung" (siehe PB 9/94) bislang eher elitäre Zirkel bewegten, stößt Viviane Forrester mit ihrer Kritik an der entfesselten Marktwirtschaft in breite Kreise vor: Zum Beispiel wurden sie und ihr Buch anläßlich des Erscheinens der deutschen Übersetzung im August dieses Jahres ausführlich in der Frauenzeitschrift "Brigitte" vorgestellt. Und die "Frankfurter Allgemeine", um deren Wirtschaftsteil sich die Ritter der neoliberalen Tafelrunde versammeln, stellte zumindest die Spalten ihres "FAZ-Magazins" für ein Interview mit Viviane Forrester zur Verfügung.

Auch in den deutschen Feuilletons grummelt es schon seit einiger Zeit. Während der "shareholder value" im Wirtschaftsteil Furore macht, wird er auf den Kulturseiten mit verächtlicher Herablassung behandelt und als amerikanisch aufgepeppte Variante des alten Koofmich-Geistes enttarnt. Kritiker wie Ulrich Beck verweisen die Theorien der Jünger Hayeks und Friedmans in den Bereich moderner Mythologie. Der Schriftsteller Günter Grass schmähte gar neulich Topmanager wie den Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt und den Bankier Hilmar Kopper als "die neuen Asozialen". Und wer die Meinung vertritt, daß Lohnverzicht Arbeitsplätze schaffen und den Standort Deutschland sichern könne, riskiert an den Stammtischen bereits ein mitleidiges Lächeln. Dagegen scheint immer mehr Menschen einzuleuchten, daß irgendetwas faul sein muß, wenn eine steigende Zahl von Arbeitslosen mit guter Konjunktur und steigenden Aktienkursen einhergeht, und daß so etwas auf längere Sicht einfach nicht gut gehen kann.

"Die alten Rezepte sind untauglich geworden"

Tatsächlich lassen sich weder Mensch noch Wirtschaft und sogar nicht einmal unternehmerisches Denken auf den neuerdings viel strapazierten "shareholder value" reduzieren. Und wer glaubt, eine von allen Schranken befreite Marktwirtschaft, die auf das Attribut "sozial" verzichtet, werde die Massenarbeitslosigkeit und andere wirtschaftliche Probleme irgendwann von selber lösen, befindet sich vielleicht in einem verhängnisvollen Irrtum. Das ist der Punkt, auf dem die Autorin des vorliegenden Buches insistiert: Sie behauptet nicht, eine bessere Lösung gefunden zu haben. Aber sie behauptet, daß wir einen historischen Wendepunkt erreicht und bereits überschritten haben, der mit dem gesamten bisherigen Konzept der Arbeit auch alle Ratschläge zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit obsolet macht. Infolge der technischen Entwicklung seien nun mal immer weniger Arbeitsplätze zur Aufrechterhaltung von Produktion und Distribution nötig. Auch der vielbeschworene Dienstleistungssektor biete keinen Ausweg, sondern sei selber von Rationalisierung und Computerisierung betroffen. Deshalb unterlägen die Industriegesellschaften einer grandiosen Selbsttäuschung, wenn sie irgendwo ein Licht am Ende des Tunnels erhofften, in den sie immer tiefer hineinfahren. Noch schlimmer: Ihnen drohe die Barbarisierung, wenn sie Profit und Wettbewerb als oberste Richtschnur gelten ließen. Unter den waltenden Umständen laufe das neoliberale Credo auf eine darwinistische Veranstaltung hinaus, bei der die Menschen wie die Wölfe übereinander herfallen, um sich im hemmungslosen Verteilungskampf einen möglichst großen Anteil zu sichern.

Ein Menetekel für die fortschreitende Barbarisierung unter dem Diktat des Profitprinzips, die bald auch die Minderbemittelten der westlichen Industrieländer treffen könnte, sieht sie im Organhandel oder im Prostitutions-Tourismus, wie sie in Ländern der dritten Welt bereits an der Tagesordnung seien: "Wer von uns schreit auf, wenn er erfährt, daß es beispielsweise in Indien Arme gibt, die ihre Organe (Nieren, Hornhaut usw.) verkaufen, um eine Zeitlang ihren Lebensunterhalt zu sichern? - Wer außer den Opfern schreit hier auf?"

Befangen in der Täuschung, die überholten Strukturen fortführen zu können, ließen sich die Menschen einreden, es sei noch immer jeder seines Glückes Schmied und der Arbeitslose sei irgendwie selber schuld an seinem Schicksal. Für die Wirtschaftsführer liege es natürlich nahe, "die gesegneten Umstände unserer Zeit zu nützen, in der keine Theorie, keine glaubwürdige Gruppierung, keine Denkungsart und kein ernstzunehmender Widerstand ihnen mehr im Wege stehen". Anstelle handfester materieller Werte produziere der entfesselte Kapitalismus jedoch vor allem "Derivate": Die Wertpapiere, Schulden, Zinsen und Wechselkurse hätten inzwischen jeden Eigenwert verloren und würden sich auf völlig willkürliche Projektionen beziehen: "Diese neue Wirtschaft besteht vor allem aus Wetten, die auf die Resultate all dieser Wetten abgeschlossen werden. Und dann wettet sie auf die Resultate der Wetten, die auf diese Resultate abgeschlossen werden, usw.".

Die französische Zeitung "Libération" erblickte in Viviane Forrester eine "Jeanne d‘Arc gegen die Kaufleute". Kein schlechter Vergleich, denn ihre Überlegungen sind tatsächlich von einer mitreißenden Schlichtheit und ergreifenden Unschuld. Die Obstinanz, mit der sie ihre Anklage vorträgt, gemahnt an den älteren Cato, der im römischen Senat immer wieder sein "ceterum censeo..." gegen Karthago schleuderte. In der spröden Begrifflichkeit der Informationstheorie könnte man auch sagen, daß ihr Buch einen äußerst hohen Grad an Redundanz aufweist.

Das Buch spricht verbreitete Zukunftsängste an

Wenn das Buch einen anspruchsvollen Leser nicht befriedigt, liegt dies auch daran, daß andere Autoren sich schon kunstvoller auf dem schwierigen Grat zwischen Belletristik und Nationalökonomie bewegt haben. Zum Beispiel der deutsche Nationalökonom Werner Sombart, der zu Anfang dieses Jahrhunderts das Wort "Kapitalismus" vom Ruch eines sozialdemokratischen Kampfbegriffs befreite und die Aufmerksamkeit der akademischen Welt - darunter seines Freundes Max Weber - auf die Bedeutung des Werkes von Karl Marx lenkte. In seinem 1913 veröffentlichten Buch "Der Bourgeois" findet sich eine hübsche Metapher, die genauso von einem Kritiker des Jahres 1997 stammen könnte:

"Nun rast der Riese fessellos durch die Lande, alles niederrennend, was sich ihm in den Weg stellt. Was wird die Zukunft bringen? Wer der Meinung ist, daß der Riese Kapitalismus Natur und Menschen zerstört, wird hoffen, daß man ihn fesseln und wieder in die Schranken zurückführen könne, aus denen er ausgebrochen ist."

Sombart neigte damals zu der Ansicht, daß der entfesselte Riese sich allmählich totlaufen werde und so gebändigt werden könne - nicht zuletzt aufgrund der Abwehrreaktionen, die der Kapitalismus selbst in Gestalt der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften hervorgebracht hatte. Sombart ahnte damals noch nichts von den totalitären Reaktionsformen in Gestalt des Sowjetkommunismus und des Nationalsozialismus. Ebensowenig schwante ihm, daß er sich einmal selber vom Sympathisanten der Sozialdemokratie zu einem Parteigänger des Nationalsozialismus entwickeln würde.

Auch heute noch dürfte jenes Wirtschaftssystem, das als Kapitalismus bezeichnet wird, für manche Überraschung gut sein. Der Erfolg von Viviane Forresters Buch erklärt sich daraus, daß es die damit verbundenen Zukunftsängste offen anspricht.

(PB 8/97/*leu)