PresseBLICK-Rezensionen Kernenergie



Hans Michaelis

Energiepolitik zwischen Anspruch und Verwirklichung

112 Seiten, DM 14.80, Verlag Bonn aktuell 1996


Hans Michaelis dürfte den meisten als Verfasser und Herausgeber des "Handbuchs Kernenergie" bekannt sein (siehe PB 1/96). Er ist aber nicht nur ein Experte für Kernenergie, sondern auch Fachmann für Energiefragen im allgemeinen. So war er Generaldirektor der EG-Kommission für Forschung und Technologie, Generalberichterstatter der 11. Weltenergiekonferenz in München und Mitglied verschiedener Enquête-Kommissionen des Bundestags.

Mit dem vorliegenden Memorandum zur Energiepolitik, das die Ludwig-Erhard-Stiftung veröffentlichte, plädiert Michaelis für eine Begrenzung regulierender Eingriffe des Staates und die verstärkte Anwendung marktwirtschaftlicher Instrumente. Zum Schluß schlägt er ein dreistufiges Verfahren für eine parteiübergreifende "Verständigung" vor die Bezeichnung "Konsens" vermeidet er bewußt wegen der politischen Vorbelastung des Wortes, die sich aus eben jener verfahrenen energiepolitischen Auseinandersetzung ergeben hat, die er mit seinem Memorandum kritisiert.

Für Michaelis wird die deutsche Energiepolitik gegenwärtig bestimmt durch Trugbilder, die den Akteuren den nüchternen Blick auf Zahlen und Fakten verstellen. Zum Teil seien diese Illusionen einfach nur gut gemeint. Das heißt, die Betreffenden wollen zwar das Beste, aber es fehlt ihnen an dem notwendigen Wissen. Zum Teil würden diese Illusionen aber auch fahrlässig verbreitet. Damit meint Michaelis solche Akteure des politischen Geschehens, die dem energiepolitischen Zeitgeist aus Opportunismus nach dem Mund reden, obwohl sie es eigentlich besser wissen müßten.

Eines dieser Trugbilder sei das erklärte Ziel der Bundesregierung, die deutschen CO2-Emissionen von 1990 bis 2005 um 25 Prozent zu verringern. Es lasse sich beim besten Willen nicht erreichen. Eine andere große Illusion ranke sich um den möglichen Beitrag der erneuerbaren Energien zur Energieversorgung. Auch unter größten Anstrengungen lasse er sich bis 2005 nur auf maximal zehn Prozent erhöhen. Das dritte große Trugbild sei der Glaube, den Ausstieg aus der Kernenergie relativ problemlos vollziehen zu können. Damit würde eine CO2-freie Energiequelle entfallen, die derzeit rund 30 Prozent der Stromversorgung bestreitet. Aber auch sicherheitsmäßig würde ein Verzicht auf Kernenergie mehr Nachteile als Vorteile bringen. Michaelis begründet dies damit, daß in anderen Teilen Europas und der Welt die Kernenergie eher noch ausgebaut werde. Deutschland begebe sich so der Chance, mit seinem relativ hohen Sicherheitsstandard die internationale Entwicklung beeinflussen zu können.

Da wird sicher nicht jeder Leser in allen Punkten folgen wollen. Der Grundthese von Michaelis, daß der deutschen Energiepolitik eine Gesamtstrategie fehlt und daß sie von großen Illusionen belastet wird, läßt sich allerdings kaum widersprechen. Es gibt sicher keinen ähnlich wichtigen Wirtschaftsbereich, in dem die Politik marktwirtschaftliche Grundsätze so häufig durchbricht und überdies auch noch die Gebote der Rationalität und Effizienz konterkariert.

Der Text ist in erster Linie für Fachleute bestimmt. Deshalb sollte der Leser bereits über einiges Grundlagenwissen zur Energiewirtschaft verfügen. Das liegt in der Natur eines solchen Memorandums. Dagegen hätte es nicht sein müssen, daß das Manuskript vom Verlag etwas lieblos betreut wurde: Neben ärgerlichen Druckfehlern wird auch schon mal aus dem Bundesimmissionsschutzgesetz ein "Bundesemissionsschutzgesetz". Beim Inhaltsverzeichnis müssen alle Seitenzahlen um jeweils zwei erhöht werden, um tatsächlich fündig zu werden.

Der Inhalt dieses Memorandums erscheint indessen bedeutsam genug, um es unter Fachleuten verbreiten zu helfen. Die IZE bietet deshalb dieses Buch allen EVU-Mitarbeitern und sonstigen Interessenten zum Vorzugspreis von 8.80 Mark an.

(PB 3/96/*leu)