PresseBLICK-Rezensionen Kernenergie



Spiegel special Nr. 7/95

Die neuen Energien

Hamburg 1995: Spiegel-Verlag, 138 S. DM 7.50


Zunächst hielt man beim "Spiegel" das Magazin "Focus" für ungefährlich, weil dem publizistischen Leichtgewicht aus dem Hause Burda zu fehlen schien, was man früher unter Duellanten als Satisfaktionsfähigkeit bezeichnete. Der unerwartete Erfolg des Neulings hat den "Spiegel" dann um so härter an einer empfindlichen Stelle getroffen, nämlich dort, wo es weniger auf journalistische Qualität als auf Anzeigenaufträge ankommt. Als Teil einer daraufhin vom Spiegel-Verlag eingeleiteten Diversifikations-Strategie sind die monatlich erscheinenden Hefte der Reihe "Spiegel special" zu sehen. Sie behandeln jeweils nur ein Thema. Auch der Seitenzahl nach könnten sie es mit einem Sachbuch aufnehmen. Die Form der Darstellung ist allerdings die eines Magazins. Die Texte sind recht eingängig geschrieben und opulent bebildert. Die Information zum Thema erfolgt nicht systematisch, sondern häppchenweise unter journalistisch-kulinarischen Gesichtspunkten, wobei zur unentbehrlichen Würze der Zeitgeist gehört, wie dies ja auch beim Stammblatt der Fall ist. Hier wie dort wird dem Leser nicht gerade eine objektive und umfassende Darstellung geboten, aber er wird allemal das beruhigende Gefühl haben, in groben Zügen Bescheid zu wissen und mitreden zu können.

Abgesang auf das "Atomzeitalter"

Die "neuen Energien", wie sie dieses Heft vorstellt, sind nicht identisch mit den erneuerbaren Energien, sondern umfassen neben Sonne, Wind, Biomasse und Erdwärme auch die Kernenergie. Von den insgesamt 138 Seiten des Heftes sind sogar mehr als die Hälfte der Kernenergie gewidmet. Das ist aber beileibe nicht als Ausdruck besonderer Wertschätzung zu verstehen. Vielmehr vereinigen sich die Beiträge der verschiedenen Autoren zu einem vielstimmigen Abgesang auf das "Atomzeitalter" in seiner militärischen wie zivilen Ausprägung.

Den Auftakt bilden Erinnerungen an den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki vor nunmehr bald fünfzig Jahren. Anschließend geht es darum, "wie die russische Nuklear-Lobby die Kernkraftrisiken verharmlost und wie die Uno-Atomorganisation die Weltöffentlichkeit irreführt". Auch in den folgenden Beiträgen werden der ehemaligen Sowjetunion und den USA ihre Verfehlungen bei der militärischen und friedlichen Nutzung der Kernenergie vorgehalten. Es folgen Ausblicke auf die Gefahren des "Atomterrorismus", die Problematik der Endlagerung radioaktiver Abfälle und das politische Tauziehen um die Kernenenergie in Deutschland.

In der Mitte des Heftes fordert dann ein Beitrag des ehemaligen Interatom-Managers Klaus Traube zum "Umschalten" auf, um der drohenden Klimakatastrophe zu entgehen. Die wichtigsten Instrumente sieht Traube in einer breiten Palette von erneuerbaren Energien und in der rationelleren Nutzung von Energie. Zur Kernenergie äußert er sich zwar skeptisch, was deren politische Durchsetzbarkeit angeht, aber nicht grundsätzlich ablehnend. Dies war der Redaktion wohl ein bißchen zu dünn für die vorgesehene Scharnierfunktion im Heft. Sie hat jedenfalls Traubes Beitrag dramaturgisch nachgebessert, indem sie ihn mit einer Chronik des Atomzeitalters als "Stationen eines Irrwegs" garnierte.

Von 82 Seiten Irrweg endlich erlöst, findet sich der Leser dann aber erst einmal vor einer "Schwarzen Sackgasse" wieder. So ist der Beitrag über die Nutzung von Kohle und Öl überschrieben. Die Verfeuerung der fossilen Energien beschwöre "weltweit riesige Überschwemmungen, Super-Wirbelstürme und Dürrekatastrophen herauf", heißt es in der Unterzeile.

Auf diese nochmalige Steigerung der düsteren Bestandsaufnahme folgt als heiterer Zwischenakt ein Porträt des "Öko-Propagandisten Franz Alt und dessen rastloser Bekehrungsarbeit". Der Text fällt recht ironisch aus. Die Bilder ebenfalls: Auf einem der Fotos posiert Alt als Atlas, wobei er die Erdkugel in Gestalt eines Luftballons trägt. Treffender läßt sich kaum darstellen, welche Leichtgewichte Alt in seinen Büchern stemmt (siehe dazu auch PB 9/92 u. 4/94).

Aber dann, ab Seite 88, geht es nach all den Irrwegen, Sackgassen und Holzwegen ernsthaft los mit den Auswegen. Sie führen erwartungsgemäß ins Reich der erneuerbaren Energien und zum Energiesparen. Ernst Ulrich von Weizsäcker hält es für möglich, Energie viermal so effizient zu nutzen wie bisher. Daß dies nicht Zukunftsmusik bleiben muß, unterstreicht ein Artikel über den "amerikanischen Energie-Papst Amory Lovins und dessen Rocky Mountain Institute". Es folgen Einzelbeiträge zur Energiegewinnung aus Sonne, Wind, Erdwärme und Biomasse. Die Städte Viernheim und Saarbrücken werden als "Energiespar-Modellstädte" vorgestellt. Den Ausklang bilden zwei Berichte über eine Öko-Siedlung in Österreich und über spritsparende Autos.

Positiv fällt bei der Lektüre des Heftes auf, daß nicht so getan wird, als könnte die Stromerzeugung nolens volens auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Dies kommt schon in dem Artikel über Franz Alt zum Ausdruck, der mit mildem Spott durch den Kakao seiner Patentrezepte gezogen wird. In dem Artikel über die Solarenergie gibt Werner Meyer-Larsen der "Solar-Lobby" zu bedenken, "daß es mit ihrem Einstieg in die Großtechnik ohne Allianz mit den herkömmlichen Energieträgern nichts wird". Und Jürgen Schaefers Beitrag zur Windenergie trägt die Überschrift: "Sofern die Winde weh’n / Rotoren könnten jeden zehnten Haushalt mit Strom versorgen - wenn es da nicht einige Schwierigkeiten gäbe".

(PB 7/95/*leu)