PresseBLICK-Rezensionen Kernenergie



Gerd Rosenkranz, Irene Meichsner, Manfred Kriener

Die neue Offensive der Atomwirtschaft - Treibhauseffekt, Sicherheitsdiskussion, Markt im Osten

München 1992: Verlag C. H. Beck, 352 S., DM 24.-


"Mit diesem Buch liegt der Öffentlichkeit unser bisher dickstes Informationspaket zum Atomkonflikt vor", heißt es im Vorwort der Umweltorganisation Greenpeace, die diesem Buch aus dem Beck-Verlag ihr verkaufsförderndes Label zur Verfügung stellt ("ein Greenpeace-Buch"). Nachdem Greenpeace International im Januar beschlossen hat, die diesjährige Kampagne auf ein Verbot der Produktion, des Transports und der Nutzung von angereichertem Uran und Plutonium zu konzentrieren, kommt dem bereits im Vorjahr erschienenen Buch erhöhte Bedeutung als argumentativer Flankenschutz zu. Inzwischen sind die ersten Aktionen im bekannten, medienwirksamen Stil durchgeführt worden. So kletterten Greenpeacer im April auf die Reaktorkuppel und den Kühlturm des Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich. Andere Aktivisten drangen mit Schlauchbooten und Gleitschirmen auf das Gelände des schweizerischen Kernkraftwerks Beznau vor. Die neuesten Aktionen sind dieser Ausgabe des PresseBLICK zu entnehmen. Deutlicher denn je verfolgt Greenpeace dabei eine zweigleisige Strategie: Neben der traditionellen Schiene des medienwirksamen Spektakels, des quasi "stellvertretenden Handelns" für ein Millionenpublikum, wird vermehrt auf intellektuell anspruchsvolle Argumentation gesetzt. Auch das vorliegende Buch fügt sich in diese neue, "professionelle" PR-Strategie (siehe die vorherige Rezension). Was da auf 352 Seiten Umweltpapier von Gerd Rosenkranz und seinen beiden Ko-Autoren an Argumenten gegen die Kernenergie zusammengetragen wurde, verdient jedenfalls Beachtung und ernsthafte Auseinandersetzung ? auch und gerade von jenen, die den hier geforderten Abschied von der Kernenergie für unrealistisch halten und mit dem "fliegenden Teppich der Utopie", den das Greenpeace-Vorwort beschwört, schon gar nichts anfangen können.

"Kernkraftwerke könnten höchstens 12,7 Prozent des Endenergie-Bedarfs ohne CO2 erzeugen"

Die erste Grundthese der Autoren lautet, daß die "Atomindustrie" die Diskussion um den Treibhauseffekt zum willkommenen Vorwand nehme, um der besorgten Öffentlichkeit die Kernkraft als garantiert CO2-freie Energie wieder schmackhaft zu machen. Sie habe "ein rein taktisches Verhältnis zur Klimakatastrophe". Für große Teile der Energiewirtschaft erschöpfe sich die Sensibilisierung für die CO2-Problematik ganz offensichtlich im Kontext zur Kernenergie. So lehne es die VDEW laut ihrem Papier "Vorsorge zur Abwendung der befürchteten Klimarisiken" sogar ab, bereits laufende Kohlekraftwerke durch den Bau zusätzlicher Kernkraftwerke zu ersetzen. Die vielzitierte Rettung vor der Klimakatastrophe durch Nuklearenergie sei also plötzlich dann kein Thema mehr, wenn es ? "jenseits der in Zeitungsanzeigen gepflegten grünen Rhetorik" ? um das Abschalten eigener Kohlekraftwerke bzw. um "Besitzstandwahrung um jeden Preis" gehe.

Dabei komme eine Substitution der fossilen Energieträger durch den schnellen Ausbau der Kernenergie, wie sie der Öffentlichkeit als Klima-Strategie vorgegaukelt werde, ohnehin nicht in Frage. Erstens seien solche Modelle gar nicht finanzierbar. Zweitens könnten sie im günstigsten Fall lediglich den Anteil der Stromerzeugung am gesamten CO2-Ausstoß der Energiewirtschaft reduzieren. Der Anteil des Stroms an der Endenergie liege aber weltweit bei nur rund 17 Prozent. "Selbst wenn nach französischem Vorbild alle Länder drei Viertel ihres Stroms tatsächlich in Atomkraftwerken produzieren und damit die theoretisch möglichen Potentiale voll ausschöpfen würden, könnte die Atomenergie nur drei Viertel von 17 Prozent, also maximal 12,7 Prozent des Endenergiebedarfs decken."

"Bessere Reaktor-Sicherheitskonzepte werden aus wirtschaftlichen Gründen vernachlässigt"

Der zweite Argumentationsstrang der Autoren richtet sich gegen die Sicherheitsphilosophie der Kernkraftwerksbetreiber, in der sie allerlei taktische Windungen und Wendungen zu erkennen glauben. So sei INES, die seit 1990 gültige Störfall-Skala der IAEA, ganz darauf angelegt, "Zwischenfälle auf die unteren, harmlosen Ränge zu dirigieren". Die plötzliche Absage eines 1991 geplanten Hochtemperatur-Symposions werten sie als "Symptom einer strategischen Niederlage, die die Verfechter neuer, ‘revolutionärer' Reaktorkonzepte Anfang der 90er Jahre gegen die 'konservative' Strategie der nuclear community erlitten". Letztere würde nämlich befürchten, der HTR könne mit seiner systembedingt höheren Sicherheit nicht so schnell zur kommerziellen Anwendungsreife entwickelt werden wie die in Betrieb befindlichen Leichtwasserreaktoren ihre Alters- und Stillegungsgrenze erreichen. Die von Stromwirtschaft, Reaktorherstellern und Bundesregierung neuerdings favorisierte, von Siemens/KWU und Framatome geplante "halbherzige Fortentwicklung" des heutigen Druckwasserreaktors sei dem HTR-Konzept und anderen Lösungen, die in den Schubladen der Techniker schlummerten, sicherheitsmäßig unterlegen. Die klein gewordene Anhängerschaft des Schnellen Brüters habe sich unterdessen "auf dem europäischen Abstellgleis eingerichtet" und vollführe dort "Bewegungsübungen für bessere Zeiten".

Die Diskussion um neue Reaktoren mit "inhärenter Sicherheit" einzelner Komponenten werde ebenfalls von internen Interessenkonflikten im Lager der Nuklear- und Energiewirtschaft beeinflußt: Ausgerechnet die Reaktorhersteller und -betreiber würden inzwischen den zunächst erzeugten Eindruck demontieren, "inhärente Sicherheit" bedeute den Wegfall jedes Risikos, da sie befürchteten, daß im Umkehrschluß die öffentliche Meinung die derzeitigen Sicherheitsstandards als unzulänglich ansehen könnte.

"Einkauf in die osteuropäische Energiewirtschaft"

Der dritte Komplex, der im Untertitel des Buches angerissen wird, betrifft den "Markt im Osten": Durch die Ausklammerung der DDR-Kernkraftwerke im Stromvertrag und die Beerdigung der ursprünglichen Pläne für Reaktor-Neubauten in den neuen Bundesländern sei "ein tiefer Riß zwischen Stromherrn und Reaktorbauern" entstanden. So habe Siemens seine Hoffnungen begraben müssen, durch eine mit Westtechnik ausgestattete Referenzanlage in der früheren DDR den Markt für Neubau und Nachrüstung von Nuklearanlagen in Osteuropa erobern zu können. Am "Expansionsdrang der gesamten westlichen Atomwirtschaft in Richtung Ost" habe dies aber nichts geändert. Vor allem die Ankündigung von Siemens, einen Reaktor für die Wärmeversorgung der tschechischen Stadt Pilsen zu errichten, habe der Vermutung Nahrung gegeben, "die Atomindustrie wolle die Flucht vor der atomkritischen Heimatfront antreten". Inzwischen, nach der Absage aus Pilsen, verfolge Siemens eher eine "Strategie des langen Atems" und setze vor allem auf das Geschäft mit der Nachrüstung der osteuropäischen Reaktoren, für die sich der Konzern durch das Gemeinschaftsunternehmen Skoda Energo und die Einbeziehung von Framatome bestens vorbereitet habe. Am selben Strang zögen dabei die großen deutschen Stromerzeuger, da sich Nachrüstung und Neubau von Kernkraftwerken in osteuropäischen Ländern angesichts von deren prekärer Finanzlage nur über das Modell "Technologie für Strom" verwirklichen lasse. Vor diesem Hintergrund seien wiederum die Bestrebungen zur Einbeziehung der Netze osteuropäischer Staaten in das westliche Verbundnetz zu sehen ? für die Autoren ein "hochkomplexer, vor allem nahezu unbezahlbarer Kraftakt", dessen Sinnhaftigkeit von Verbund-Experten bezweifelt werde. Für Stromimporte großen Stils aus dem Osten bestehe im Westen ohnehin kein aktueller Bedarf. Dies habe aber wiederum zur Folge, daß über das angepeilte Modell "Technologie für Strom" kaum ein großes Geschäft zu machen sei. In den Vorstandsetagen der Energiewirtschaft neige man deshalb inzwischen eher dazu, sich gleich in die Energiewirtschaft der osteuropäischen Länder einzukaufen.

Soweit einige Grundlinien der Argumentation. Das Buch geht noch auf eine ganze Reihe weiterer Aspekte ein. Zum Beispiel auf die Entsorgung nuklearer Abfälle: Die Autoren gemahnt dieses Problem an "das Flugzeug, das sich bereits in der Luft befindet, während am Boden mit wachsener Nervosität nach Gesteinsformationen zum Bau einer Landebahn gesucht wird". In der Entsorgungsdebatte sei der "Realitätsverlust" der "Atomgemeinde und ihrer Gläubigen" besonders ausgeprägt. Generell drehen die Autoren den Spieß des Ideologieverdachts gern um: "Irrationale Ängste oder Ideologieverdacht sind die häufigsten Erklärungsmuster, mit denen die nuklearen Sicherheitsphilosophen die Gegner der Atomenergie abkanzeln. Doch es sind meist die Ideologen, die den Ideologieverdacht am vehementesten gegen jedermann richten."

Insgesamt sicher ein parteiliches und streitbares, in etlichen Punkten (nach)fragwürdiges, aber doch intelligent und auch recht eloquent geschriebenes Buch. Wer PR-Arbeit auf diesem Gebiet betreibt, tut gut daran, sich mit den hier zusammengetragenen Argumenten vertraut zu machen.

(PB 5/93/*leu)