November 2016

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ENERGIE-CHRONIK


Steag meldet fünf Steinkohle-Blöcke zur Stillegung an

Der größte deutsche Steinkohle-Verstromer will mehr als die Hälfte seiner Erzeugungskapazität vom Netz nehmen. Am 2. November meldete die Steag AG bei der Bundesnetzagentur die geplante Stillegung von fünf Steinkohle-Blöcken in Nordrhein-Westfalen und im Saarland an. Zusammen mit den beiden Blöcken A und B des Kraftwerks Voerde, die bereits auf der "Kraftwerksstilllegungsanzeigenliste" der Bundesnetzagentur vermerkt sind, ergibt das eine Kraftwerksleistung von 3.687 Megawatt. Insgesamt betreibt die Steag derzeit in Deutschland noch 14 Steinkohle-Blöcke mit einer Gesamtkapazität von 6.362 MW. Falls die Bundesnetzagentur keiner der geplanten Stillegungen widerspricht, würde somit mehr als die Hälfte dieser Kapazität vorläufig oder endgültig vom Markt verschwinden (siehe Tabelle).

Am Standort Voerde gehen nun alle vier Blöcke vom Netz

Die Stillegung der Blöcke A und B am Standort Voerde wurde allerdings nicht von der Steag beantragt, obwohl sie diese betreibt und zu 75 Prozent besitzt. Sie wurde vielmehr vom Miteigentümer RWE durchgesetzt. Dieser ist zur Abnahme der gesamten Erzeugung verpflichtet, kann den Strom wegen der gesunkenen Großhandelspreise aber nicht mehr gewinnbringend vermarkten. Deshalb hat er der Steag bereits vor mehr als einem Jahr ein "Stillegungsverlangen" geschickt, wobei er sich auf eine entsprechende Vertragsklausel aus dem Jahr 1975 berufen konnte. Die Steag lehnte dieses Verlangen ab, weil damit auch der Weiterbetrieb der beiden älteren Blöcke des Kraftwerksteils "West" in Voerde unwirtschaftlich würde. Sie begann mit RWE sogar eine rechtliche Auseinandersetzung, die aber erfolglos blieb.

Nachdem die Bundesnetzagentur den Stillegungsantrag von RWE akzeptiert hat, ist seit September dieses Jahres klar, daß der modernere Teil des Kraftwerks Voerde zum 31. März 2017 vom Netz geht. Für die Steag war dies der Anlaß, um für die beiden älteren Blöcke in Voerde ebenfalls das Aus zu verkünden. Zusätzlich beantragte sie für die Steinkohle-Blöcke Bexbach, Weiher und Herne 3 definitiv die Stillegung. Daß der Standort Lünen vorläufig verschont bleibt, der ebenfalls seit langem mit Fragezeichen versehen ist, dürfte mit der dortigen Bahnstromerzeugung zu tun haben, zu der sich die Steag bis 2018 verpflichtet hat.

Bei Bexbach und Weiher ist die "Systemrelevanz" vorläufig noch offen

Die Bundesnetzagentur wird wohl gegen die Abschaltung der beiden Blöcke Voerde-West sowie von Herne 3 nichts einzuwenden haben. Nördlich der Main-Linie ist der Abbau überschüssiger Erzeugungskapazitäten sogar eher erwünscht. Anders sieht es in Süddeutschland aus, wo die meisten Abnehmer der saarländischen Großkraftwerke Bexbach und Weiher sitzen. Bisher hat die Behörde alle sieben Anträge der Energie Baden-Württemberg (EnBW) auf Stillegungen abgelehnt, weil sie "systemrelevante" Kraftwerke betrafen. Es bleibt abzuwarten, ob solche netztechnischen Bedenken auch für Bexbach und Weiher gelten.

Bexbach ist mit 721 MW das leistungsfähigste Kraftwerk im Saarland. Es gehört der Steag erst seit Anfang 2015. Sie war zunächst zwar Betreiber, aber nur mit 25 Prozent beteiligt, bis sie der Energie Baden-Württemberg (EnBW) deren 75 Prozent samt der Strombezugsrechte abkaufte. Die Höhe des Kaufpreises wurde damals nicht mitgeteilt. Aber selbst als "Schnäppchen" dürfte sich der Erwerb nicht gelohnt haben...

Die Steinkohlen-Elektrizität AG (Steag) entstand 1937 als Verstromungsunternehmen des Ruhrbergbaues, das industrielle Großabnehmer belieferte und den übrigen Strom ins Netz des RWE einspeiste. Im sogenannten Steag-Vertrag von 1950 verzichtete das RWE auf die Errichtung eigener Steinkohlekraftwerke, während sich der Ruhrbergbau verpflichtete, kein eigenes Hochspannungsnetz aufzubauen. Die Steag verfügte deshalb über mehr Steinkohlekraftwerke als das RWE, in dessen Netz sie einspeiste. Als Tochter der 1969 gegründeten Ruhrkohle AG (seit 1997 RAG) war sie ein gewinnträchtiges Unternehmen, mußte aber mit ihren Erlösen den defizitären Steinkohlebergbau stützen. Bei der Aufspaltung der RAG wurde sie mit anderen profitablen Bereichen dem neuen Evonik-Konzern eingegliedert (070907). Dieser verkaufte sie Ende 2010 an ein Konsortium aus den Städten bzw. Stadtwerken Dortmund, Essen, Bochum, Oberhausen, Duisburg und Dinslaken (101203), das bis 2014 für insgesamt 1,2 Milliarden Euro sämtliche Aktien des Unternehmens erwarb (140814). Schon kurz nach dem Kaufvertrag mit Evonik zeichnete sich ab, daß die Steag den neuen Eigentümern wenig Freude bereiten würde (130110). Schon seit Jahren wird deshalb über die Stillegung von Kraftwerken und den Abbau von Stellen diskutiert.

Von der Steag betriebene Steinkohlekraftwerke in Deutschland

(Für die fett markierten Blöcke wurde die Stillegung beschlossen bzw. beantragt)


Steinkohle-Kraftwerk erstmals am Netz MW (netto) KWK Einspeisung Netzebene
Bergkamen (Steag 49 %, RWE 50 %) 1981 717 ja 380 kV
Bexbach 1983 721 nein 380 kV
Herne 3 1966 280 ja 220 kV
Lünen 6 1959 149 nein 110 kV
Lünen 7 1988 324 ja 220 kV
Völklingen-Fenne HKV 1989 211 ja 110 kV
Völklingen-Fenne MKV 1982 179 ja 110 kV
Voerde West 1 1970 322 nein 220 kV
Voerde West 2 1971 318 nein 220 kV
Voerde A (Steag 75 %, RWE 25 %) 1982 695 nein 380 kV
Voerde B (Steag 75 %, RWE 25 %) 1985 695 nein 380 kV
Walsum 9 1988 370 ja 220 kV
Walsum 10 (Steag 51 %, EVN 49 %) 2013 725 nein 380 kV
Weiher 1976 656 ja 220 kV

 

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