Februar 2014

140211

ENERGIE-CHRONIK


 

 

Weil "Riffgat" vom Nordstrand der Insel Borkum aus (oben) deutlich zu erkennen ist, hatte die Stadt Borkum gegen die Genehmigung des Windparks geklagt. Die Klage wurde aber vom Verwaltungsgericht abgewiesen (081216). Sogar von der Insel Norderney aus (unten) sind die 30 Windkraftanlagen zu sehen.
Fotos (2): Wikipedia, Hischen66 /Elvaube

Offshore-Windpark "Riffgat" geht mit knapp einem Jahr Verspätung ans Netz

Der kommunale Energiekonzern EWE begann am 12. Februar mit dem Netzanschluß des Windparks "Riffgat" nordwestlich der Insel Borkum. Bis zum Frühjahr sollen alle 30 Windkraftanlagen mit einer Nennleistung von insgesamt 108 MW angeschlossen sein . Nach "Bard 1" (130815) nimmt damit in der deutschen Nordsee der zweite kommerzielle Offshore-Windpark die Einspeisung auf. Eigentlich hätte dies bereits vor knapp einem Jahr geschehen sollen. Dem Netzbetreiber TenneT war es aber nicht gelungen, die 50 Kilometer lange Drehstrom-Anbindung bis zum Festland rechtzeitig fertigzustellen. Anstatt Strom zu erzeugen, mußten deshalb die Windkraftanlagen regelmäßig mit Strom gedreht werden, um sie vor Korrosion zu schützen und notwendige Funktionen wie die Beleuchtung sicherzustellen (130803). TenneT und EWE geben sich wechselseitig die Schuld an der Verzögerung, deren Kosten nun gemäß der vom Bundestag Ende 2012 beschlossenen Offshore-Haftungsregelung (121103) auf die Stromverbraucher abgewälzt werden.

Millionenschwere Entschädigungsforderungen müssen von Verbrauchern bezahlt werden


Keine Überraschung: Das Munitionsversenkungsgebiet "Osterems", an dem das 50 Kilometer lange Seekabel vorbeiführt und in dessen Bereich rund 30 Tonnen Munition gefunden wurden, ist auf den amtlichen Seekarten verzeichnet.

Nach 17e des Energiewirtschaftsgesetzes kann ein Windparkbetreiber vom anbindungsverpflichteten Netzbetreiber eine Entschädigung verlangen, wenn die Netzanbindung nicht rechtzeitig fertig wird oder gestört ist. Sie wird ab dem elften Tag fällig und beläuft sich auf 90 Prozent der Einspeisungsvergütungen, die ein ungestörter Betrieb der Anlagen erbracht hätte. Der 17f verpflichtet ferner die Übertragungsnetzbetreiber, die durch die Offshore-Entschädigungen entstandenen Kosten untereinander auszugleichen und über die Netzentgelte an die Endverbraucher weiterzugeben. Die Mehrbelastung für die Endverbraucher darf aber 0,25 Cent/kWh nicht überschreiten. Großstromverbraucher werden ab einem Jahresverbrauch von einer Gigawattstunde nur mit 0,05 Cent/kWh herangezogen (120805).

Riffgat kann den offiziellen Angaben zufolge "120.000 Haushalte versorgen", was einer Jahresproduktion von rund 420 Gigawattstunden entspräche (der Durchschnittsverbrauch eines Haushalts wird in der Statistik üblicherweise mit 3.500 Kilowattstunden angesetzt). Bei einer Vergütung mit 0,15 Cent/kWh kämen so jährlich 63 Millionen Euro an Einspeisungsvergütungen zusammen. Die Entschädigung in Höhe von neunzig Prozent würde sich somit für ein volles Jahr auf etwa 57 Millionen Euro belaufen. Ganz so lange hat es allerdings nicht gedauert. Der Netzbetreiber TenneT beziffert die durch die Verzögerung entstandenen Kosten mit 43 Millionen Euro.

TenneT und EWE schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu

Vorläufig streiten sich Tennet und EWE noch darüber, wer das Debakel verschuldet hat. In einer Pressemitteilung vom 11. Februar schob TenneT-Geschäftsführer Lex Hartmann dem Oldenburger Windparkbetreiber den Schwarzen Peter zu: "Es ist zutiefst bedauerlich, daß die Planung der Seekabeltrasse durch den Windparkbetreiber letztlich zu hohen Mehrkosten geführt hat, die nun die Verbraucher werden tragen müssen." EWE -Vorstand Torsten Köhne konterte nicht minder maliziös, daß er den großen öffentlichen Druck nachempfinden könne, der auf TenneT angesichts der Verzögerungen bei zahlreichen Projekten laste. "Dies rechtfertigt jedoch nicht den Versuch, das eigene Image mit falschen Behauptungen aufzupolieren".

TenneT wirft EWE vor, bei einer ersten Untersuchung des Meeresbodens im Jahr 2009 nur vier Hinweise auf mögliche Munitionsablagerungen entdeckt zu haben. Eine zweite Untersuchung im Auftrag von TenneT habe dagegen ergeben, daß entlang der Trasse für das Drehstrom-Seekabel mehr als 1.400 metallische Objekte lagen. Insgesamt habe man fast 30 Tonnen Munition bergen und entsorgen lassen müssen, bevor die Kabeltrasse als nutzbar und unbedenklich eingestuft werden konnte. Allein dadurch seien Mehrkosten von 57 Millionen Euro entstanden.

EWE-Vorstand Köhne bezeichnete diese Darstellung als "nachweislich falsch und einigermaßen peinlichen Versuch, von eigenen Versäumnissen abzulenken". TenneT versuche den Eindruck zu erwecken, als ob es sich bei beiden Untersuchungen um die Suche nach Kampfmitteln gehandelt habe. Die im Auftrag der EWE durchgeführte "geomorphologischen Vorexploration" habe jedoch nur das Ziel gehabt, die grundsätzliche Beschaffenheit des Bodens zu erkunden. Dies geschehe stets mit vergleichsweise groben Meßinstrumenten, die für die Suche nach Munition wenig geeignet sind. Man habe deshalb schon im Sommer 2009 den damaligen Transportnetzbetreiber Transpower (E.ON) sehr klar darauf hingewiesen, daß sich aus den vier mutmaßlichen Munitionsfunden bei der Voruntersuchung keinerlei Rückschlüsse auf das tatsächliche Ausmaß der Kampfmittelbelastungen ziehen lassen würden. Nach dem Erwerb von Transpower (091101) habe es TenneT als Rechtsnachfolger schlicht versäumt, den Bau der Drehstrom-Trasse einschließlich der notwendigen Untersuchung der Trasse auf Munition rechtzeitig in Angriff zu nehmen.

Zwischen Borkum und Juist lagern noch über 400 Tonnen Munition auf dem Meeresgrund

Nach dem neuesten Bund-Länder-Bericht über die "Munitionsbelastung der deutschen Meeresgewässer" wurden in den Jahren 2012 und 2013 entlang der Trasse für die Netzanbindung von Riffgat rund 30 Tonnen Munition beseitigt. Die Funde kamen nicht überraschend, da die Trasse an dem bekannten Munitionsversenkungsgebiet Osterems zwischen Borkum und Juist vorbeiführt, das auch in den amtlichen Seekarten vermerkt ist (siehe Karte). Die Munition wurde durch eine private Firma geortet, freigespült und dem Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen (KBD) zur fachgerechten Entsorgung bzw. Sprengung übergeben. Im Gebiet Osterems sind schätzungsweise 2.000 Tonnen Minen, Granaten, Bomben, Torpedos, Panzerfäuste und Kleinmunition versenkt worden, wovon über 400 Tonnen noch auf dem Meeresgrund liegen.

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