Februar 2012

120205

ENERGIE-CHRONIK


 

 

In der deutschen Nordsee sind bisher nur zwei Offshore-Anbindungen in Betrieb: Die eine führt zum Testfeld "alpha ventus" und die andere zum teilweise vollendeten Windpark "Bard 1". Bereits genehmigt sind 24 weitere Windparks. Bei ihnen werden sich Baubeginn und Inbetriebnahme zum Teil erheblich verzögern, weil Tennet als allein zuständiger Transportnetzbetreiber für die Nordseeküste mit den Netzanschlüssen nicht nachkommt (siehe auch Karte aller Windpark-Projekte in der deutschen Nordsee sowie Tabelle mit bisher erteilten Genehmigungen).

Tennet fordert Gründung einer Deutschen Gleichstrom-Netzgesellschaft

Der Transportnetzbetreiber Tennet TSO fühlt sich überfordert damit, alle in der deutschen Nordsee entstehenden Windparks ans Stromnetz anschließen zu müssen. Bereits im November hat er deshalb angekündigt, nur noch solche Projekte durchzuführen, für die bereits Aufträge vergeben wurden (111104). Am 20. Februar präsentierte er außerdem ein "Beschleunigungs-Programm mit notwendigen Maßnahmen für eine nachhaltige Energieversorgung". Darin verlangt er neben einer verbindlichen Langfristplanung für die Offshore-Projekte und der Klärung der gesetzlichen Haftung bei Verzögerungen auch die Gründung einer "Deutschen Gleichstrom-Netzgesellschaft". Die neue Gesellschaft soll künftig jene Netzanbindungen in der Nordsee herstellen, bei denen die Stromübertragung wegen der großen Entfernung per Gleichstrom statt mit Drehstrom erfolgt. Außerdem – und das würde dann sogar zum Schwerpunkt ihrer Tätigkeit – soll sie ein völlig neues Transportnetz in HGÜ-Technik (Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung) planen, finanzieren, bauen und betreiben, das die bestehenden vier Drehstrom-Transportnetze in Deutschland überlagern und entlasten würde.

Die Tennet TSO mit Sitz in Bayreuth betreibt seit 2010 das frühere Übertragungsnetz der E.ON Netz GmbH (091101), das von der Nordsee bis zu den Alpen reicht und kurze Zeit unter dem Namen "Transpower" firmierte (091005). Sie gehört dem staatlichen niederländischen Netzbetreiber Tennet B.V. Da beide Netzgebiete im Emsland aneinander grenzen, bezeichnet sich Tennet als "ersten grenzüberschreitenden Übertragungsnetzbetreiber für Strom in Europa". Das Tennet-Transportnetz in Deutschland ist aber technisch, organisatorisch und juristisch nach wie vor eigenständig.

Die drei anderen Transportnetzbetreiber ziehen nicht mit

Die vorgeschlagene Deutsche Gleichstrom-Netzgesellschaft würde aller vier deutschen Transportnetzbetreiber umfassen, also auch Amprion (früher RWE), 50Hertz (früher Vattenfall) und die EnBW. Tennet kann sich auf das im September 2010 vorgelegte "Energiekonzept" der Bundesregierung berufen, das "die Planung eines deutschen Overlay-Netzes" für notwendig hält, um den im Norden anfallenden Strom zu den Verbrauchszentren im Süden und Westen zu leiten (100902). Zugleich würde damit ansatzweise jene bundesweite Netz AG verwirklicht, wie sie die Bundesnetzagentur schon vor Jahren angeregt hat (080710).

Allerdings scheint der Vorschlag auch in dieser modifizierten Form bei den anderen drei Netzbetreibern wiederum auf wenig Gegenliebe zu stoßen. Sie befürchten wohl, daß Tennet die gesetzlich auferlegte Verpflichtung zum Anschluß sämtlicher Offshore-Windparks in der deutschen Nordsee zum Teil auf ihren Schultern abladen möchte. Zudem dürfte Tennet mit seinen langgestreckten Transportnetz von der Nordsee bis zu den Alpen, das vor elf Jahren aus der Fusion von PreussenElektra und Bayernwerk entstand (000704), von einem überlagerten Gleichstrom-Transportnetz den größten Nutzen haben.

"Es verwundert doch, daß sich Tennet nicht in der Lage sieht, die seit Jahren bekannten und gesetzlich fixierten Investitionen zum Bau von Offshore-Anschlüssen zu tätigen", zitierte die "Süddeutsche Zeitung" (21.2.) einen nicht näher bezeichneten Sprecher des Netzbetreibers Amprion. Die Gründung einer gemeinsamen Deutschen Gleichstrom-Netzgesellschaft bringe da "keinerlei Mehrwert".

"Das deutsche Stromnetz bietet durchaus attraktive Renditen"

Immerhin ist es Tennet gelungen, die japanische Mitsubishi Corporation mit mehr als 200 Millionen Euro am Bau von zwei geplanten Offshore-Netzanbindungen zu beteiligen. "Das könnte ein entscheidender Durchbruch auch für die Finanzierung anderer Projekte sein", sagte der scheidende Chef der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, in einem Interview mit der FAZ (20.2.). "Das japanische Engagement zeigt, daß das deutsche Stromnetz durchaus attraktive Renditen bietet. Das wird auch andere internationale Investoren anlocken, eine ganze Reihe von ihnen schaut sich intensiv um. Da brauchen wir weder den Staat zu bemühen noch die Stromkunden über Gebühr belasten. Ich kann mir sogar vorstellen, daß die alte Idee einer deutschen Netzgesellschaft wieder aufgegriffen wird. " Kurth war elf Jahre lang Chef der Behörde und übergab sein Amt zum 1. März an Jochen Homann (111219).

Auch im Bundeswirtschaftsministerium ist man der Meinung, daß Tennet die gesetzlich auferlegte Verpflichtung zum Anschluß der Windparks in der Nordsee zu erfüllen hat. Die Netzanbindung der Offshore-Windparks obliegt nach 17 Abs. 2a EnWG den jeweils zuständigen Transportnetzbetreibern, wobei die Kosten über die Stromnetzentgelte auf die Verbraucher umgelegt werden (061102). Die in 118 Abs. 3 EnWG ursprünglich vorgesehene Beschränkung auf Anlagen, mit deren Errichtung bis Ende 2011 begonnen wurde, ist durch die im Juni 2011 in Kraft getretene Neufassung des Gesetzes gestrichen worden (110602). In der Nordsee ist damit Tennet der allein zuständige Transportnetzbetreiber, während die Anschlüsse in der Ostsee größtenteils von 50Hertz Transmission zu besorgen sind (110906).

Drehstrom ist nur für kürzere Seekabel geeignet

Da Offshore-Netzanbindungen die Verlegung von Kabeln auf dem Meeresgrund erfordern, ist der Scheinwiderstand einer Wechselstrom-Leitung (Impedanz) weit größer als bei Freileitungen. Die Drehstrom-Technik wird deshalb nur für kürzere Verbindungen zum Land oder zum Anschluß der Windparks an Konverterplattformen verwendet. Zur Überbrückung größerer Distanzen benutzt man die Technik der Hochspannungs-Gleichstromübertragung (HGÜ), bei der nur der Ohmsche Widerstand der Leitungen zu berücksichtigen ist. Zum Beispiel handelt es sich bei dem von Tennet bereits realisierten Projekt "BorWin 1" zum Anschluß des Windparks "Bard 1" um ein solches Gleichstrom-Kabel, das von der Konverterplattform "BorWin alpha" zur Insel Norderney und von dort weiter zur Konverterstation Diele im Emsland führt. Das Kabel ist insgesamt 200 Kilometer lang (125 km Seekabel und 75 km Landkabel). Für den Anschluß des näher gelegenen Testfelds "alpha ventus" (100413) wurde dagegen ein 60 Kilometer langes Drehstrom-Kabel verwendet, das teilweise parallel zum HGÜ-Kabel von "BorWin 1" zum Umspannwerk Diele führt.

Bisher wurden 28 Windparks in den AWZ der Nord- und Ostsee genehmigt

Die deutschen Offshore-Windparks liegen größtenteils in der "Ausschließlichen Wirtschaftszone" (AWZ), die sich an die Zwölf-Meilen-Zone vor der Küste anschließt. Sie müssen vom Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrographie (BSH) genehmigt werden. Für innerhalb der Zwölf-Meilen-Zone liegende Projekte - wie etwa Riffgat und Nordergründe in der Nordsee - sind dagegen die angrenzenden Bundesländer zuständig. Seit 2001 hat das BSH in der Nord- und Ostsee insgesamt 28 Windenenergieparks in der AWZ mit insgesamt 1930 Windenergieanlagen genehmigt. Am Netz sind bisher rund 30 Windenergieanlagen. Etwa 90 Anlagen werden zurzeit gebaut. Weitere 84 Windparkvorhaben in der deutschen AWZ der Nord- und Ostsee sind beantragt und befinden sich derzeit im Genehmigungsverfahren.

Links (intern)

 

 

Genehmigte Windparkprojekte in der Nordsee (AWZ)

 

Projekt Betreiber Anzahl WKA Nennleistung in MW Erstgenehmigung Fläche in km2

Wassertiefe in Meter

Lage
"Albatros" Northern Energy OWP Albatros GmbH 79 5-7 MW 8/2011 39 ca. 40 jeweils etwa 105 km von Borkum und Helgoland entfernt

"alpha ventus" (ehemals "Borkum West")
(100413, 011119)

Stiftung Offshore-Windenergie (ehemals Prokon Nord) 12 bis 5 MW 11/2001   ca. 30 45 km nördlich von Borkum
"Amrumbank West" Amrumbank West GmbH 80 bis 5 MW 6/2004 32 20-25 36 km südwestlich von Amrum

"BARD Offshore 1"

BARD Engineering GmbH 80 bis 5 MW 4/2007 59   89 km nordwestlich Borkum und 126 km westnordwestlich Helgoland
"Borkum Riffgrund" PNE2 Riff I GmbH 77 3 MW 2/2004 35 23-29 34 Kilometer nördlich von Juist
"Borkum Riffgrund 2" PNE2 Riff II GmbH 97 3,6-6 MW 12/2011 43 25-30 37 km bzw. 40 km nordwestlich von
Borkum
"Borkum Riffgrund West" Energiekontor AG 80 3,5 MW 2/2004 30 29-33 50 Kilometer nördlich von Borkum
"Borkum West II" Trianel Windkraftwerk Borkum GmbH & Co (ehemals Prokon Nord Energiesysteme GmbH) 80 5 MW 6/2008 56 25-35 45 km nördlich von Borkum und 44 km nordwestlich von Juist
"Butendiek"
(021213)
Butendiek Offshore Windpark GmbH & Co. KG (ehemals OSB Offshore Bürger-Windpark Butendiek GmbH & Co. KG) 80 bis 3 MW 12/2002 37 16-22 34 Kilometer westlich von Sylt
"DanTysk" Dan Tysk Offshore Wind GmbH (ehemals Gesellschaft für Energie und Oekologie mbH) 80 bis 5 MW 8/2005 71 21-33 rund 70 Kilometer westlich von Sylt

"Delta Nordsee 2" (ehemals "ENOVA 2")
(070910)

Offshore-Windpark Delta Nordsee GmbH 32 bis 6 MW 8/2009 9,6 29-33 ca. 39 km nordwestlich von Juist, 40,2
km nordwestlich von Norderney und 42 km nordöstlich von Borkum
"Deutsche Bucht" Eolic Power GmbH 42 5-7 MW 2/2010 22,6 39-41 ca. 94 km nördlich Borkum und ca. 134 km von
Helgoland
"EnBW He dreiht" (ehemals "Hochsee Windpark He dreiht") EnBW Nordsee Offshore GmbH (ehemals EOS Offshore AG) 80+39 3,6-5 MW

12/2007
+2/2010

60 37-43 85 km nördlich von Borkum
"EnBW Hohe See" (ehemals "Hochsee Windpark Nordsee") EnBW Nordsee Offshore GmbH (ehemals EOS Offshore AG) 80 4,5 MW 7/2006 42 25-39 90 km nördlich von Borkum und 100 km nordwestlich von Helgoland
"Global Tech I"
GlobalTech I Offshore Wind GmbH (ehemals Wetfeet Offshore Windenergy GmbH und Nordsee Windpower GmbH & Co. KG) 80 bis 5 MW 5/2006 41 39-41 93 Kilometer nördlich von Juist
"Gode Wind" PNE Gode Wind I GmbH (ehemals Plambeck Neue Energien AG) 77 bis 6 MW 8/2006
37   33 Kilometer nördlich von Norderney
"Gode Wind II" PNE Gode Wind II GmbH 84 bis 6 MW 7/2009
89 28-34 33,7 km nördlich von Juist, ca. 32,5 km
nördlich Norderney, ca. 36,4 nordwestlich von Baltrum und ca. 39,2 km nordwestlich von
Langeoog,

"Meerwind Ost"

Wind MV (ehemals Meerwind Südost GmbH & Co. Föhn KG)

40 bis 5 MW 5/2007 20   24 km nördlich von Helgoland
"Meerwind Süd" Wind MV (ehemals Meerwind Südost GmbH & Co. Rand KG) 40 bis 5 MW 5/2007 20   24 km nördlich von Helgoland
"MEG Offshore I" Nordsee Offshore MEG I GmbH 80 bis 5 MW 8/2009 46 29-33 ca. 45 km nördlich von Borkum
"Nordsee Ost" Essent Wind Nordsee Ost Planungs- und Betriebsgesellschaft mbH (ehemals WINKRA Offshore Nordsee Planungs- und Betriebsgesellschaft mbH 80 4-5 MW 6/2004 50 ca. 22 30 km nördlich von Helgoland und 30 km
westlich von Amrum
"Nördlicher Grund" Nördlicher Grund GmbH 87 3 MW 11/2005   ca. 25 84 Kilometer
westlich von Sylt
"OWP Delta Nordsee 1" (ehemals "ENOVA Offshore Northsea Windpower")
(081216)
Offshore Windpark Delta Nordsee GmbH (ehemals ENOVA Offshore Projektentwicklungsgesellschaft mbH & Co. KG) 48 bis 5 MW 2/2005 28 29-35 39 Kilometer nördlich von Juist
"Sandbank 24" Sandbank Power GmbH & Co KG (ehemals Sandbank 24 GmbH & Co KG) 80 bis 5 MW 8/2004 59 ca. 30 90 Kilometer westlich von Sylt
"Veja Mate" BARD Holding GmbH (ehemals Cuxhaven Steel Construction GmbH) 80 bis 5 MW 8/2009 50 ca. 40 ca. 90 km nördlich von Borkum und ca. 129 km westlich von Helgoland

 

Genehmigte Windparkprojekte in der Ostsee (AWZ)

 

Projekt Betreiber Anzahl WKA Nennleistung in MW Erstgenehmigung Fläche in km2

Wassertiefe in Meter

Lage
"Arkona-Becken Südost" AWE Arkona-Becken-Entwicklungs-GmbH 80   3/2006 40 21-38 35 Kilometer nordöstlich von Rügen
"EnBW Windpark Baltic 2" (ehemals "Kriegers Flak") EnBW Ostsee Offshore GmbH (ehemals Offshore Ostsee Wind AG) 80 bis 5 MW 4/2005 27 20-40 30 Kilometer nördlich von Rügen
"Wikinger" (ehemals "Ventotec Ost 2") Iberdrola Renovables Offshore Deutschland GmbH (ehemals Ventotec Ost 2 KG) 80 bis 5 MW 5/2007 30 29-41 35 km nordöstlich von Rügen