Dezember 2011

111209

ENERGIE-CHRONIK


 

 

Ziemlich unrealistisch ist die Annahme der Bundesnetzagentur, daß der Stromverbrauch dank einer "starken Steigerung der Energieeffizienz" in den nächsten zehn Jahren stagnieren werde. Immerhin hat er seit 1993 um gut ein Fünftel zugenommen. Damals war wegen des Zusammenbruchs der ostdeutschen Wirtschaft ein Tiefpunkt erreicht worden (940504, 920311). Der ausgeprägte Rückgang um das Jahr 2009 hatte ebenfalls konjunkturelle Gründe (091203). Insgesamt ist aber eine stetige Zunahme des Stromverbrauchs zu verzeichnen, die sich auch in den nächsten zehn Jahren fortsetzen dürfte, sofern es nicht zu einer langanhaltenden wirtschaftlichen Depression kommt.

Bis 2022 soll mehr als die Hälfte der installierten Kraftwerksleistung auf Windkraft und Photovoltaik entfallen

Die Bundesnetzagentur hat am 7. Dezember ihren ersten "Szenariorahmen für die Netzentwicklungsplanung" veröffentlicht. Das Papier geht davon aus, daß bis 2022 der deutsche Stromverbrauch sowie die Jahreshöchstlast auf dem Niveau des Jahres 2010 verbleiben. Die Kernenergie leistet keinen Beitrag mehr. Dennoch steigt durch kräftigen Ausbau der erneuerbaren Stromquellen die installierte Leistung der Kraftwerke um knapp vierzig Prozent. Allerdings entfällt nun mehr als die Hälfte dieser installierten Gesamtleistung auf Windkraft- und Solaranlagen, die nur unregelmäßig ins Netz einspeisen. Die daraus resultierenden Probleme will man bewältigen, indem man die Kapazität der Pumpspeicherkraftwerke um 43 Prozent und die der Gaskraftwerke um 30 Prozent erhöht (siehe Grafik 2).

Vorstufe zum "Netzentwicklungsplan" und "Bundesbedarfsplan"

Das Energiewirtschaftsgesetz verpflichtet neuerdings die Bundesnetzagentur, jedes Jahr einen solchen Szenariorahmen zu erstellen (110602). Die Behörde stützt sich dabei auf Entwürfe der Übertragungsnetzbetreiber, die sie auf ihren Internet-Seiten publiziert und unter Berücksichtigung dieser "Öffentlichkeitsbeteiligung" genehmigt. Der Szenariorahmen umfaßt mindestens drei Entwicklungspfade, die für die nächsten zehn Jahre die Bandbreite wahrscheinlicher Entwicklungen im Rahmen der mittel- und langfristigen energiepolitischen Ziele der Bundesregierung abdecken. Ferner muß ein Szenario die wahrscheinliche Entwicklung für die nächsten zwanzig Jahre darstellen ( 12 a ). Auf der Grundlage des genehmigten Szenariorahmens haben dann die Übertragungsnetzbetreiber bis zum 3. Juni 2012 einen gemeinsamen Netzentwicklungsplan vorzulegen ( 12 b), der wiederum von der Bundesnetzagentur zu bestätigen ist (12 c). Diese Netzentwicklungspläne bilden dann ihrerseits alle drei Jahre die Grundlage für den "Bundesbedarfsplan", den die Bundesregierung vom Parlament bestätigen läßt ( 12 e).

Behörde übernimmt unrealistische Stromeinspar-Ziele der Politik

Die Bundesnetzagentur hat neben dem "Leitszenario" noch zwei flankierende Szenarien festgelegt, die von einem geringereren bzw. noch stärkeren Anteil der erneuerbaren Energien ausgehen. Sie unterstellt in allen drei Fällen nicht nur weiteres Wirtschaftswachstum, sondern auch die vermehrte Anwendung von Strom im Verkehrsbereich und zur Wärmeerzeugung. Schon aufgrund der langjährigen Erfahrungen wäre generell mit einer weiteren Zunahme des Stromverbrauchs zu rechnen (siehe Grafik 1). Dennoch veranschlagen die Szenarien den Verbrauch des Jahres 2022 mit dem des Jahres 2010 und die Jahreshöchstlast sogar noch eher geringer. Dieselben Werte werden sogar der Vorschau auf das Jahr 2032 zugrunde gelegt. Dieses Kunststück gelingt allerdings nur durch die Annahme einer starken Steigerung der Energieeffizienz bei Strom.

Die Bundesnetzagentur übernimmt damit unrealistische Erwartungen, wie sie von der Bundesregierung und der EU-Kommission gern verkündet werden. Sie glaubt sogar sich rechtfertigen zu müssen, weil sie "aus Vorsichtsgründen" nicht von einer Verringerung des Stromverbrauchs ausgehe. Immerhin erlaubt sie sich gegenüber der Politik den Hinweis: "Schon diese Konstanz ist bei einem auch nur geringen Wirtschaftswachstum ein höchst ambitioniertes Ziel, das erhebliche Fortschritte bei der Energieeffizienz voraussetzt. Erzielte Verbrauchseinsparungen durch Steigerung der spezifischen Effizienz werden nämlich durch einen Zuwachs bei Anwendungen sowie durch ein mit dem Stromverbrauch positiv korreliertes Wirtschaftswachstum kompensiert."

"Es ist niemandem möglich, die Zukunft über zehn oder 20 Jahre exakt vorherzusagen", meinte Behördenchef Matthias Kurth vorsorglich. "Deshalb sollen die Szenarien kontinuierlich weiterentwickelt und der tatsächlichen energiewirtschaftlichen Entwicklung schrittweise angenähert werden. Am Anfang haben die Szenarien allerdings eine große Bandbreite, die sich vor allem aus dem Tempo des Ausbaus der erneuerbaren Energien ergibt."

 

Im Leit-Szenario der Bundesnetzagentur für die Kraftwerkskapazitäten im Jahr 2022 entfällt die Kernenergie ganz, während die Braunkohle um etwa acht Prozent zurückgeht, die Steinkohle stagniert und Gas um dreißig Prozent zunimmt. Bei den Erneuerbaren wird mit einer überaus starken Zunahme der installierten Leistung gerechnet: Bei Windkraft beträgt das Plus 122 Prozent und bei Photovoltaik 200 Prozent. Auch Biomasse legt um 68 Prozent zu. Nur gering ist dagegen der erwartete Zuwachs bei der Wasserkraft. Eine Sonderrolle spielen die Pumpspeicherkraftwerke, deren Kapazität um 43 Prozent erhöht werden soll, um die fluktuierende Einspeisung aus Windkraft- und Solaranlagen abzupuffern.

Die Erweiterung der installierten Kraftwerkskapazität um fast vierzig Prozent bis 2022 bedeutet keineswegs eine entsprechende Zunahme der Stromerzeugung. Sie ist technisch bedingt, weil planmäßig einsetzbare Kraftwerkskapazitäten entfallen. Dieser Mangel soll durch ein Überangebot an fluktuierenden Stromquellen sowie vermehrte Bereitstellung von Regelenergie aus Pumpspeicher- oder Gaskraftwerken kompensiert werden. Ob dies tatsächlich gelingt, muß sich erst noch herausstellen. Ein Schwachpunkt des Szenarios besteht schon mal darin, daß es für 2022 denselben Stromverbrauch wie 2010 unterstellt...

 

Die "Jahreshöchstlast" ist kein eindeutiger Meßwert

Nebenbei ergibt sich aus der Mitteilung der Bundesnetzagentur, daß die bundesweite "Jahreshöchstlast" (siehe Grafik vom Dezember 2010) keineswegs einen eindeutigen Meßwert darstellt, wie man gemeinhin annimmt und auch die Behörde in ihrem "Monitoringbericht 2010" noch unterstellt hat. Es handelt sich vielmehr um eine rechnerisch ermittelte Größe, bei der die zugrundeliegenden Informationen "immer noch mit einem hohen Unsicherheitsgehalt behaftet sind und die notwendige Hochrechnung von diversen zu hinterfragenden Prämissen abhängt". Die Bundesnetzagentur geht deshalb nun davon aus, "daß sich die netzübergreifende zeitgleiche Jahreshöchstlast für das Jahr 2010 in einer Bandbreite von 84,0 bis 87,5 GW befindet". Ungeachtet dieser Unklarheiten haben die Übertragungsnetzbetreiber für die Jahre 2022 und 2032 bei der Netzberechnung eine Jahreshöchstlast von 84,0 GW zu unterstellen. Trotz der Annahme eines gleichbleibenden Stromverbrauchs liegt die Vorgabe also am unteren Rand der für 2010 ermittelten Bandbreite. Die Behörde begründet dies mit erhofften Fortschritten beim "Lastmanagement".

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