Oktober 2010

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ENERGIE-CHRONIK


Tchibo geht unter die "Ökostrom"-Anbieter

Seit 25. Oktober kann man in den Filialen von Tchibo auch Strom kaufen. Die Einzelhandelskette, die sonst Kaffee und Einmal-Angebote unterschiedlichster Art und Güte vertreibt, offeriert ihr Stromangebot sogar mit einem grünen Schleifchen: "Deutschland macht die Energiewende", hieß es in ganzseitigen Anzeigen. "Grüner Strom von Tchibo wird zu 100% aus norwegischer Wasserkraft gewonnen – eine der klimaverträglichsten Möglichkeiten der Stromerzeugung. Der Ausstoß von CO2 wird hierbei komplett vermieden."

Die vollmundige Werbung stützt sich auf das "ok-power Label" des Vereins EnergieVision, der vom WWF, der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen und dem "Öko-Institut" getragen wird. Im Unterschied zu den auf reinen Rechenkunststücken beruhenden RECS-Zertifikaten (080102) soll das "ok-power Label" belegen, daß durch die Nachfrage nach dem Stromprodukt ein "zusätzlicher Umweltnutzen" entsteht. Worin dieser bestehen soll, wird allerdings nicht ersichtlich, wenn man auf der Internet-Seite des Vereins die dort aufgelisteten Stromanbieter anklickt, zu denen neben zahlreichen kommunalen Stromvertrieben auch die "Ökostrom"-Spezialisten Lichtblick und NaturEnergie gehören. Für das neue Tchibo-Produkt fand man unter "Details zum zertifizierten Produkt" sogar lediglich die Auskunft, daß es ab 1. Januar 2011 nach dem "Händlermodell" mit einer Strommenge von 65.885 Megawattstunden zertifiziert worden sei.

Das grüne Schleifchen ist relativ billig zu haben

Das "ok-power Label" soll garantieren, daß der Strom zu mindestens einem Drittel aus Neuanlagen stammt, die nicht älter als sechs Jahre sind. Damit ist nach Ansicht der Verleiher gewährleistet, daß das Unternehmen beständig in moderne Kraftwerke für erneuerbare Energien investiert. Außerdem dürfen neue Wasserkraftwerke zum Beispiel die Wanderung von Fischen nicht blockieren. Am grundsätzlichen Sachverhalt der bloßen Öko-Vermarktung einer ohnehin erzeugten Strommenge ändert das aber nichts. Beispielsweise wird in Norwegen der Strom zu fast hundert Prozent aus Wasserkraft erzeugt. Schon deshalb interessiert sich dort niemand für irgendwelche Ökostrom-Nachweise. Interessant wird die "Zertifizierung" norwegischen Stroms erst für das Marketing in Deutschland, wo ein Handel mit Herkunftsnachweisen für EEG-Strom gegen das Doppelvermarktungsverbot in 56 EEG verstoßen würde.

Von den 19 Ökostrom-Anbietern, die sich mit dem vom Verein EnergieVision verliehenen "ok-power Label" schmücken, arbeiten 18 nach dem "Händlermodell", bei dem irgendwo innerhalb Europas eine vertraglich vereinbarte Menge Strom aus erneuerbaren Energien eingespeist wird. Lediglich die EnBW-Tochter NaturEnergie bedient sich des sogenannten Fondsmodells zur Vermarktung einer Strommenge von 5.000 MWh aus dem Wasserkraftwerk Grenzach-Whylen (990524).

Da das grüne Schleifchen vermutlich nicht viel teuerer ist als die vom Verein EnergieVision ausgestellte Rechnung für das Zertifikat, kann der von Tchibo angebotene Strom mit ganz normalen Angeboten konkurrieren. In einer Pressemitteilung des Unternehmens wird dies so formuliert: "Grüner Strom von Tchibo ist nicht nur etwas für das gute Gewissen, denn der Preis liegt größtenteils sogar unter den lokalen Basistarifen für die Versorgung mit Strom aus fossilen Energieträgern oder Atomkraft." Außerdem verlange man von den Kunden keine Vorkasse und räume ihnen ein monatliches Kündigungsrecht bei 12 Monaten Preisgarantie ein.

Tchibo hat bereits Erfahrung mit Ökostrom-Marketing

Den Werbeffekt von "Ökostrom" hat die Einzelhandelskette schon vor neun Jahren erkannt und genutzt, indem sie ihre 850 Filialen vom Wasserkraft-Vermarkter NaturEnergie AG versorgen ließ, der damals noch dem Watt-Konzern gehörte, ehe er Ende 2004 der EnBW einverleibt wurde (040913). Anfang 2008 machte Tchibo unter dem Motto "Starten Sie grün ins neue Jahr" den Werber für Lichtblick (080614), wobei der Vertragsabschluß mit vier "Energiesparlampen" belohnt wurde. Im Frühjahr 2010 surfte der Aktionsanbieter vier Wochen lang auf dem Solarboom, indem er seinen Kunden ein "kostenloses Beratungsgespräch" mit Vertretern der SiG Solar GmbH zur Installation einer Solarstrom-Anlage offerierte. Das rasch wechselnde Angebot enthielt außerdem zwischendurch Energetisches wie Meßgeräte für den Stromverbrauch. Die neue Rolle als eigenständiger Stromanbieter ist sicher nicht so kurzfristig angelegt, dürfte aber doch vorerst ein Versuchsballon sein.