Oktober 2009

091004

ENERGIE-CHRONIK


 


Umgeben von Wohngebieten: Der älteste Block des Kernkraftwerks Tihange wurde in den siebziger Jahren errichtet und darf nun bis 2025 weiter betrieben werden. Von der Verlängerung profitiert auch der E.ON-Konzern, der mit GDF Suez einen Vertrag über Stromlieferungen aus den drei ältesten belgischen Reaktoren geschlossen hat.

GDF Suez erkauft sich Verlängerung der Laufzeiten von drei belgischen Reaktoren

Der französische Energiekonzern GDF Suez schloß am 22. Oktober mit der belgischen Regierung ein Abkommen, das es ihm ermöglicht, die drei ältesten belgischen Reaktoren zehn Jahre länger zu betreiben. Es handelt sich um Doel 1 und 2 sowie Thihange 1, die 2015 das Ende ihrer gesetzlich festgelegten Betriebszeit von vierzig Jahren erreicht hätten und nun bis 2025 Strom erzeugen dürfen (siehe ‹bersicht). GDF Suez und die anderen Miteigentümer der Reaktoren zahlen dafür von 2010 bis 2014 jährlich einen Betrag zwischen 215 bis 245 Millionen Euro an die Staatskasse. Die genaue Höhe richtet sich nach der Entwicklung von Stromerzeugungskosten und -preisen und wird von einem noch einzurichtenden Kommitee aus Vertretern von Regierung, Stromerzeugern, Banken und Sozialpartnern festgelegt. Dieses Kommitee soll auch nach 2014 über eine angemessene Zahlung an die Staatskasse befinden, bis die Reaktoren das Ende ihrer Laufzeit erreicht haben. Ferner hat es darauf zu achten, daß die belgischen Strompreise keinesfalls höher sind als im Durchschnitt der Nachbarländer. Damit soll verhindert werden, daß GDF Suez bzw. die belgische Konzerntochter Electrabel die jetzt eingegangenen Verpflichtungen einfach über die Preise auf die Verbraucher abwälzt.

Die vier Reaktoren des Kernkraftwerks Doel an der Schelde nördlich von Antwerpen.
Fotos (2): Wikipedia

Bestandteil der Zusagen ist ferner, daß die Konzerntochter Electrabel 500 Millionen Euro in die erneuerbaren Energien investiert und bis 2015 mehr als 10.000 Mitarbeiter in Belgien beschäftigt. Hinzu müssen dauerhaft 500 Ausbildungsplätze bereitgestellt werden. Gegenwärtig beschäftigt Electrabel im Inland 10.059 Mitarbeiter. Es handelt sich somit um eine Zusicherung, daß keine Arbeitsplätze abgebaut werden.

Die belgische Regierung hatte GDF Suez bereits für das Jahr 2008 einen Betrag von 250 Millionen Euro abverlangt. Der Konzern kam dieser Forderung zwar nach, erhob aber Klage beim belgischen Verfassungsgericht. Nachdem die Regierung im laufenden Haushalt 2009 weitere 500 Millionen Euro als Gegenleistung für die Verlängerung der Laufzeiten eingeplant hatte, ließ Konzernchef Gérard Mestrallet im Oktober verlauten, daß Belgien für den laufenden Haushalt keinen einzigen Euro bekommen werde. Ministerpräsident Van Rompuy setzte ihm daraufhin eine Frist zum Einlenken bis 22. Oktober. Die jetzt getroffene Vereinbarung soll anscheinend als Ersatzlösung dienen und es beiden Seiten ermöglichen, das Gesicht zu wahren. Sie beseitigt jedenfalls nicht das Defizit im Haushalt 2009. Hinzu muß die Regierung damit rechnen, daß das Verfassungsgericht der Klage auf Rückzahlung der 250 Millionen für das Jahr 2008 stattgibt.

Belgien verfügt über zwei KKW-Standorte mit insgesamt sieben Reaktoren (siehe ‹bersicht). Betreiber ist in allen Fällen die Electrabel, die 2003 mehrheitlich und 2005 hundertprozentig vom Suez-Konzern übernommen wurde. Anfang 2003 hatte Belgien die Betriebsdauer seiner insgesamt sieben Reaktoren auf vierzig Jahre beschränkt und den Bau neuer Kernkraftwerke untersagt (030110). Die Reaktoren Doel 1 und 2 sowie Thihange 1 wären die ersten Stillegungskandidaten gewesen. Der Ausstiegsbeschluß wurde aber schon 2007 durch die neue Regierungskoalition aus Christdemokraten und Liberalen unter Yves Leterme in Frage gestellt (070812). Zunächst war die Rede davon, die Betriebszeit der modernsten Reaktoren über das Jahr 2025 hinaus zu verlängern. Unter Letermes Nachfolger Van Rompuy ging es dann nur noch darum, die Stillegung der drei ältesten Anlagen zu verhindern, deren Stillegung bereits im Jahr 2015 angestanden hätte.

Etwa die Hälfte des Stroms, den die drei Altanlagen erzeugen, geht an den E.ON-Konzern, der mit GDF Suez im Dezember 2008 eine Absichtserklärung über den Tausch von Kraftwerksbeteiligungen und Stromlieferverträgen unterzeichnet hat (081206). Die EU-Kommission hat das Geschäft inzwischen gebilligt (091005).

 


Die beiden belgischen Kernkraftwerke Doel und Tihange mit ihren sieben Druckwasserreaktoren


Reaktorblock Leistung in MW (netto) Inbetriebnahme
Doel 1 392 15. 2. 1975
Doel 2 433 1. 12. 1975
Doel 3 1006 1. 10. 1982
Doel 4 1008 2. 7. 1985
Tihange 1 962 1. 10. 1975
Tihange 2 1008 1. 6. 1983
Tihange 3 1015 1. 9. 1985

 

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