Februar 2009

Hintergrund

ENERGIE-CHRONIK



Aufstieg und Niedergang der nukleartechnischen Kompetenz von Siemens

(Ab 1991 enthält die Darstellung Verweise zu entsprechenden Notizen der ENERGIE-CHRONIK; für die Zeit davor siehe Literaturhinweise)

 

Kernkraftwerke sind Dampfkraftwerke, bei denen der Dampferzeuger nicht mit fossilen Brennstoffen beheizt wird, sondern durch einen Kernreaktor. Im übrigen bestehen sie ab der Turbine aus konventioneller Technik. Als nach dem zweiten Weltkrieg mit der Nutzung der Kernenergie zur Stromerzeugung begonnen wurde, lag es deshalb für alle mit der Kraftwerkstechnik befaßten Unternehmen nahe, auch der Reaktortechnik besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

In Deutschland waren dies in erster Linie die Elektrounternehmen AEG, Siemens und BBC, die sich seit jeher mit dem Bau von Kraftwerken befaßten. Daneben zeigten aber auch Kesselbauer Interesse, wie Steinmüller und Babcock, sowie Maschinenbauunternehmen wie Demag, Gutehoffnungshütte und MAN. Neu ins Geschäft drängten außerdem Chemieunternehmen wie Degussa und Hoechst, die sich mit speziellen Problemen wie der Anreicherung von Uran, der Herstellung von schwerem Wasser oder der Wiederaufarbeitung von Brennelementen befaßten. Die Degussa hatte schon im "Dritten Reich" Uranoxid für die deutschen Atombomben-Pläne produziert.

Diese gemischten Interessen widerspiegelten sich in der Zusammensetzung der "Arbeitsgemeinschaft Atomenergie", die am 21. Juli 1955 gegründet wurde. Sie umfaßte AEG, BASF, Farbenfabriken Bayer, Degussa, Hoechst, Metallgesellschaft und Siemens-Schuckertwerke AG. Die Mitglieder dieses "Hoechster Kreises" spielten zugleich eine maßgebliche Rolle in den Gremien der Deutschen Atomkommission, die ebenfalls in diesem Jahr gegründet wurde, und beeinflußten so die staatlichen Maßnahmen zur Förderung der Kerntechnik.

Außer Siemens befassen sich auch AEG und BBC mit dem Reaktorbau

In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre legten sich sowohl Siemens als auch AEG und BBC eigene Abteilungen für Entwicklung und Bau von Kernkraftwerken zu. Siemens war damals noch kein einheitlicher Konzern, sondern zerfiel in die beiden Unternehmen Siemens & Halske und Siemens-Schuckert, die sich jeweils schwerpunktmäßig mit "Schwachstrom-" bzw. "Starkstrom-Technik" befaßten. Bei der Siemens-Schuckertwerke AG (SSW) entstand 1955 die "Studiengruppe Reaktorentwicklung", die der aus den USA zurückgekehrte Wolfgang Finkelnburg leitete. Anfang 1957 wurde aus dieser Studiengruppe die "Abteilung Reaktorentwicklung" mit 54 Mitarbeitern. Zur selben Zeit gründete die AEG die Abteilung "Kernenergieanlagen", die zunächst nur aus sieben Personen bestand, aber bis 1966 rund 600 Mitarbeiter zählte. Bei BBC in Mannheim übernahm 1956 der Physiker Rudolf Schulten die Leitung einer speziellen Kernenergiegruppe.

Siemens verfolgte zunächst das Konzept eines Schwerwasser-Reaktors mit Natururan als Brennstoff, wie es später in den kanadischen Candu-Reaktoren verwirklicht wurde. Der Vorteil dieses Reaktortyps bestand darin, nicht auf angereichertes Uran angewiesen zu sein, das damals nur die USA liefern konnten. Siemens hielt aber auch dann noch an dieser Weichenstellung fest, als die USA 1956 den Export von angereichertem Uran freigaben. Vermutlich spielten deshalb bei der Entscheidung für den Schwerwasser-Reaktor auch persönliche Präferenzen des Abteilungsleiters Finkelnburg eine Rolle.

AEG vertreibt zunächst erfolgreich die Siedewasser-Reaktoren von General Electric

Die AEG übernahm dagegen das Konzept der Siedewasserreaktoren des US-Konzerns General Electric (EG), mit dem sie seit langem geschäftlich und auch kapitalmäßig verbunden war. Forschung und Entwicklung waren hier nicht so ausgeprägt wie bei Siemens, sondern dienten nur der Anpassung des GE-Konzepts. Bei BBC verschrieb man sich unterdessen der Entwicklung des gasgekühlten Kugelhaufen-Hochtemperaturreaktors, der eine eigenständige und vielversprechende Entwicklung des Projektleiters Schulten war.

Am erfolgreichsten war zunächst die AEG. Bereits 1958 erhielt sie von RWE ihren ersten Auftrag für das Versuchsatomkaftwerk Kahl (VAK) mit einer Leistung von 15 MW, an dem auch das Bayernwerk mit 20 Prozent beteiligt war. Bis 1964 folgten Aufträge für die Siedewasserreaktoren Gundremmingen A (237 MW) und Lingen (160 MW).

Siemens mußte sich in Deutschland vorerst mit dem Staatsauftrag für den 1962 begonnenen "Mehrzweckforschungsreaktor" (50 MW) im Kernforschungszentrum Karlsruhe begnügen. Es handelte sich um einen mit schwerem Wasser gekühlten und moderierten Druckwasserreaktor, der über eine Turbinenanzapfung auch Heizwärme auskoppeln konnte. Nebenbei sollte die für damalige Verhältnisse recht leistungsfähige Anlage als Referenz für Exportaufträge dienen. Einen zweiten Schwerwasser-Reaktor mit 100 MW gaben 1966 das Bayernwerk und das Land Bayern für den Standort Niederaichbach in Auftrag. Das ursprüngliche Konzept wurde dabei auf Verlangen des Auftraggebers dahingehend verändert, daß schweres Wasser zwar weiterhin als Moderator diente, als Kühlmittel aber Kohlendioxid verwendet wurde.

Siemens orientiert sich neu und übernimmt von Westinghouse den Druckwasser-Reaktor

Inzwischen war Siemens von der anfänglichen Festlegung auf den Schwerwasser-Reaktor bereits abgerückt, denn in den USA waren - auch aus militärischen Gründen - die Weichen zugunsten des Leichtwasser-Reaktors gestellt worden. Seit 1957 gab es eine Kooperationsvereinbarung der beiden Siemens-Firmen mit dem US-Konzern Westinghouse, die 1966 erneuert wurde, als sich Siemens & Halske und Siemens-Schuckert zur Siemens AG zusammenschlossen. Im Unterschied zum Konkurrenten General Electric, dessen Leichtwasserreaktor die AEG in Deutschland anbot, verwendete Westinghouse nicht die Siedewasser-, sondern die Druckwassertechnologie. Über die Kooperation mit Westinghouse kam nun auch Siemens zu diesem Reaktortyp und entwickelte ihn selbständig weiter. 1965 erhielt Siemens-Schuckert mit dem Kernkraftwerk Obrigheim, das 1968 mit einer Leistung von 340 MW in Betrieb ging, den ersten Bauauftrag für einen Druckwasserreaktor zur Stromerzeugung.

So entstanden in den sechziger Jahren zwei konkurrierende Anbieter von Leichtwasser-Reaktoren in Deutschland, von denen der eine auf das Siedewasser- und der andere auf das Druckwasserprinzip setzte. Die PreussenElektra nutzte 1967 diese Wahlmöglichkeit, um sowohl die Preise herunterzuhandeln als auch die unterschiedlichen Technologien zu testen: Die AEG durfte den Siedewasserreaktor Würgassen errichten und Siemens den Druckwasserreaktor Stade (hier waren neben der PreussenElektra-Tochter NWK auch die HEW zu einem Drittel beteiligt). Beide Reaktoren hatten jeweils eine Leistung von 640 MW.

Aus der zeitweiligen Konkurrenz wird ein Gemeinschaftsunternehmen

Die beiden parallel erteilten Bauaufträge der PreussenElektra waren der Anfang vom Ende des Kraftwerksgeschäfts der AEG und der Beginn des Aufstiegs von Siemens zum deutschen Platzhirsch bei Kernkraftwerken. Die AEG hatte sich nämlich offenbar übernommen, als sie mit den von GE erworbenen Lizenzen den Vorstoß in neue Leistungsdimensionen wagte. Es rächte sich nun, daß sie bei weitem nicht soviel in Forschung und Entwicklung investiert hatte wie Siemens. Schon beim Bau des Kernkraftwerks Würgassen gab es gravierende Probleme. Als die Anlage 1974 in Betrieb ging, war sie von Anfang an ein Pannenreaktor.

Aus der anfänglichen Konkurrenz wurde deshalb schnell ein Gemeinschaftsunternehmen: Schon im April 1969 gründeten Siemens und AEG die Kraftwerk Union AG (KWU), in die beide ihr traditionelles Kraftwerksgeschäft einbrachten. Die Reaktorabteilungen wurden mit Rücksicht auf die US-Lizenzpartner zunächst ausgeklammert, denn Westinghouse und GE blieben Konkurrenten. Nachdem die Lizenz-Probleme geklärt waren, kam es 1973 auch zur Fusion der Reaktorabteilungen unter dem Dach des neuen "Hauptbereichs Reaktortechnik" in der KWU. Das Gemeinschaftsunternehmen gehörte beiden zu gleichen Teilen, doch wurde Siemens die unternehmerische Führung zugebilligt (wofür die AEG bei der parallel gegründeten "Transformatoren-Union" die Führung erhielt).

Siemens beerbt die AEG und baut fortan fast alle deutschen Kernkraftwerke

Trotzdem wurde die AEG die finanziellen Probleme nicht mehr los, die sich aus den Problemen mit Würgassen und notwendigen Nachrüstungen an anderen Kernkraftwerken ergaben. Im November 1975 überließ sie deshalb ihren Anteil an der KWU dem bisherigen Partner Siemens. Als Kaufpreis wurden 618 Millionen Mark vereinbart. Die AEG mußte aber weiterhin mit Schadenersatzansprüchen rechnen, falls es Probleme mit den Siedewasserreaktoren gab, die sie in die KWU eingebracht hatte. Drei Jahre später erklärte sich Siemens als nunmehriger Alleineigentümer der KWU bereit, auch diese Risiken gegen Zahlung von 1,215 Milliarden Mark zu übernehmen. Faktisch bekam Siemens also das gesamte Kraftwerksgeschäft der AEG nicht nur kostenlos, sondern auch noch eine Zugabe von rund 600 Millionen Mark. Die AEG hat den verlustreichen Rückzug aus der KWU und der Kernenergie nie mehr verkraftet. Von da an ging es mit dem ehemaligen Weltunternehmen und jahrzehntenlangen Siemens-Rivalen nur noch abwärts (siehe: "Die AEG ­ Aufstieg und Niedergang einer Industrielegende").

Aufwärts ging es dagegen mit Siemens, und hier insbesondere mit dem Reaktorgeschäft: Die Tochter KWU baute fortan fast alle neuen deutschen Kernkraftwerke. Einzige Ausnahmen waren der Hochtemperaturreaktor THTR-300 in Hamm-Uentrop und der Druckwasserreaktor Mülheim-Kärlich, die beide von BBC ausgeführt wurden. Hinzu kam das Auslandsgeschäft, in das Siemens bereits mit dem Schwerwasser-Reaktor eingestiegen war.

RWE gibt anfängliche Zurückhaltung auf und bestellt gleich das weltweit größte Kernkraftwerk

Der eigentliche Startschuß für die insgesamt 19 kommerziellen Reaktoren, die bis 1988 von der KWU betriebsfertig erstellt wurden, war 1969 der RWE-Auftrag für das Kernkraftwerk Biblis. Beim größten deutschen Stromproduzenten gab es seit 1955 eine Kerntechnische Abteilung. Auf Betreiben ihres Leiters Heinrich Mandel wurde schon 1956 der Bau des "Versuchsatomkraftwerks Kahl" (VAK) ausgeschrieben und 1966 gemeinsam mit dem Bayernwerk in Gundremmingen der von der AEG errichtete Siedewasserreaktor in Betrieb genommen. Weder in Kahl (15 MW) noch in Gundremmingen (237 MW) waren jedoch die Ergebnisse überzeugend. Der nüchtern rechnende Konzernvorstand sah deshalb keinen Grund, sich auf die Risiken der Kernenergie einlassen. Er setzte vielmehr weiterhin auf die Braunkohle und andere bewährte Techniken der Stromerzeugung.

Mandel blieb über Jahre hinweg der einzige, der in der RWE-Chefetage für den Einstieg in die Atomstromerzeugung plädierte. Während er bei den Vorstandskollegen auf taube Ohren stieß, erreichte er mit seiner emsigen Befürwortung der Kernenergie aber doch, daß RWE-Industriekunden hellhörig wurden und sich in ihren Lieferverträgen schon mal vorsorglich den Anspruch auf angeblich spottbilligen Atomstrom sichern wollten. Und so brach der Widerstand der Braunkohle-Fraktion irgendwann zusammen, zumal sich inzwischen auch die PreussenElektra auf Wunsch ihrer staatlichen Eigentümer der neuen Stromquelle zuwandte: 1967 rückte Heinrich Mandel vom stellvertretenden zum ordentlichen Mitglied des Vorstands auf. Offenbar verfing nun auch das Argument, daß die Stromerzeugungskosten mit der Größe der Anlage sinken würden. Jedenfalls setzte sich RWE zwei Jahre später mit dem Auftrag für Biblis A gleich an die Spitze der Atomwirtschaft. Den Auftrag bekam Siemens, nachdem auch ein Angebot der AEG geprüft worden war. Mit 1146 MW war Biblis A damals weltweit der größte Kraftwerksblock.

Auf den Block A in Biblis, der 1974 in Betrieb ging, folgte zwei Jahre später der Block B, der mit 1240 MW noch etwas stärker war. Die Anlage wurde weitab vom rheinischen Revier in Südhessen am Rhein plaziert, wo sie keine Konkurrenz zu den vorhandenen Kohlekraftwerken des RWE darstellte, sondern deren Produktion ergänzte und die Position von RWE als Großstromproduzent und Transportnetzbetreiber im süddeutschen Raum festigen half.

Allein 1984 gehen fünf Reaktoren neu ans Netz

Die RWE-Entscheidung für Biblis bedeutete den Durchbruch für die Kernenergie in Deutschland. Nun wollten auch andere Stromversorger - darunter solche, die nur zur Regionalliga zählten – nicht mehr auf die neue Energiequelle verzichten. In kurzen Abständen vollendete Siemens weitere Aufträge für die Kernkraftwerke Brunsbüttel und Neckarwestheim 1 (Inbetriebnahme 1976), Isar 1 (1977), Unterweser (1978), Philippsburg 1 (1979), Grafenrheinfeld (1982), Grohnde, Gundremmingen B, Gundremmingen C, Krümmel und Philippsburg 2 (1984), Brokdorf (1986), Isar 2 und Emsland (1988) sowie Neckarwestheim 2 (1989). Wie man sieht, gingen allein 1984 fünf Reaktoren neu ans Netz. Siemens lieferte die Kernkraftwerke inzwischen sozusagen von der Stange. Die letzten drei Kernkraftwerke Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 waren nicht nur weitgehend baugleich, sondern wurden auch in einem vereinfachten Verfahren atomgesetzlich genehmigt. Man bezeichnete sie deshalb als "Konvoi-Reaktoren" (siehe Übersicht).

Die Anti-Kernkraft-Bewegung verhindert weitere Neubauten

Die drei Konvoi-Reaktoren waren die letzten, die in Betrieb gingen. Die anfängliche Begeisterung für die Kernenergie war inzwischen weithin Skepsis und Ablehnung gewichen. Schon seit Mitte der siebziger Jahre regte sich ein immer stärker werdender Widerstand gegen neue Kernkraftwerke, der bereits die Vollendung der Reaktoren in Brokdorf, Grohnde, Kalkar und Mülheim-Kärlich behinderte. In Whyl am Oberrhein kam es 1975 zu einer Art Volksaufstand und zur Besetzung des Bauplatzes, auf dem das Badenwerk ein Kernkraftwerk errichten wollte.

Der Protest entzündete sich zunächst weniger am radioaktiven Risiko der Kernenergie als an vergleichsweise geringfügigen Gefahren, die sich aus der Erwärmung von Flüssen durch das Kühlwasser oder aus der Abschattung von Weinbergen durch die Dampfschwaden von Kühltürmen ergeben konnten. Spätestens nach dem schweren Störfall im US-Kernkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg, der sich am 28. März 1979 ereignete, rückte dann aber das radioaktive Risiko in den Vordergrund.

Die Kernkraftgegner eigneten sich zunehmend das fachliche Wissen an, um die Schwachpunkte der anfänglichen Atomstrom-Euphorie ausfindig zu machen und die Verharmlosung tatsächlich bestehender Risiken anzuprangern. Sie nahmen nicht nur die Reaktoren ins Visier, sondern auch nukleartechnische Einrichtungen wie die Brennelemente-Herstellung (Hanau), die geplante Wiederaufarbeitung von Brennstäben (Wackersdorf) oder die Errichtung von Zwischen- und Endlagern für radioaktive Abfälle (Ahaus, Gorleben). Eine exemplarische Zusammenfassung aller Kritikpunkte an der Nuklearwirtschaft enthielt das Buch "Friedlich in die Katastrophe" von Holger Strohm, das erstmals 1973 erschien und bis Ende der achtziger Jahre in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet wurde.

Seit Ende der sechziger Jahre war es in der Branche üblich geworden, nicht mehr von "Atomkraft" zu reden - wie das beispielsweise noch bei der Namensgebung für das "Versuchsatomkraftwerk Kahl" oder die Branchen-Zeitschrift "Atomzeitalter" der Fall war – , sondern von "Kernkraft". Man wollte so negative Assoziationen zur Atombombe vermeiden und immer wieder auftauchende Verdächtigungen entkräften, daß der deutsche Nuklearkomplex – etwa die Erzeugung von Plutonium im Kernforschungszentrum Karlsruhe – auch darauf angelegt sei, eine Option für die Herstellung von deutschen Atomwaffen zu schaffen. (So ganz abwegig waren diese Unterstellungen nicht, wie das Beispiel Frankreichs zeigte, wo seit Ende der fünfziger Jahre die bis dahin zivile Nuklearforschung den Zwecken der "Force de frappe" angepaßt und unterworfen wurde). Als dann der Widerstand gegen die Kernkraftwerke immer stärker wurde, konnte man die gegensätzlichen Lager in der Regel bereits daran erkennen, daß die einen von "Atom-" sprachen, wo die anderen durchweg die Wortpartikel "Kern-" oder "Nuklear-" verwendeten.

Siemens fertigt auch Brennelemente und betreibt den Einstieg in die Plutoniumwirtschaft

Trotz des zunehmenden Widerstands – den auf politischer Ebene die neue Partei der "Grünen" repräsentierte – verfolgten Nuklearwirtschaft und Politik weiterhin den Bau von Kernkraftwerken. Außerdem betrieben sie seit den siebziger Jahren zielstrebig das Konzept des "Brennstoffkreislaufs": Die abgebrannten Brennelemente der Reaktoren sollten nicht einfach über Zwischen- und Endlager entsorgt werden. Vielmehr wollte man das darin entstandene Plutonium per "Wiederaufarbeitung" abtrennen, um es für die Herstellung sogenannter Mischoxid-Brennelemente (Mox) zu verwenden und so den Verbrauch an Uran um etwa ein Fünftel zu verringern. Außerdem sollte das aus Brennstäben gewonnene Plutonium als Erstfüllung für einen neuen Reaktortyp dienen, der als "Schneller Brüter" nicht spaltbares Uran-283 in spaltbares Plutonium verwandeln und so den Verbrauch an Uran um das 40- bis 50fache senken sollte.

Siemens war schon Mitte der siebziger Jahre auch in die Fertigung von Brennelementen eingestiegen. Die KWU und die mehrheitlich der Degussa gehörende Nukem gründeten damals die Reaktor-Brennelemente Union GmbH (RBU), die in Hanau Brennelemente für Leichtwasser-Reaktoren aus angereichertem Uran produzierte. Genauso war Siemens an der Nukem-Tochter Alkem beteiligt, die Plutonium zu Mischoxid-Brennelementen verarbeitete. Zusätzlich übernahm Siemens 1987 die Brennelemente-Fertigung der "Exxon Nuclear" in Lingen, die fortan als "Advanced Nuclear Fuels" firmierte. Seit 1972 war Siemens zudem Alleineigentümer der Firma Interatom, die seit den sechziger Jahren an der Entwicklung des "Schnellen Brüters" arbeitete und 1973 mit dem Bau einer solchen Anlage in Kalkar begann.

Bespitzelt und von Siemens entlassen: Sogar dem Leiter des Brüter-Projekts kommen Bedenken

Typisch für das Umschlagen der bisherigen Kernkraft-Euphorie in Skepsis und Ablehnung war die Affäre um den damaligen Interatom-Chef Klaus Traube. Der Siemens-Manager geriet in Verdacht, Kontakte zu RAF-Terroristen zu unterhalten, und wurde deshalb 1976 vom Inlandsgeheimdienst "Verfassungsschutz" abgehorcht. Der Verdacht erwies sich als völlig unbegründet. Traube war wohl nur durch irgendwelche kritischen Äußerungen aufgefallen. Da auch Siemens von den Ermittlungen des "Verfassungsschutzes" erfuhr, wurde er aber entlassen. Fortan nahm der ehemalige Interatom-Chef kein Blatt mehr vor den Mund und wandelte sich zu einem vehementen Kritiker der Atomwirtschaft.

Die Katastrophe von Tschernobyl verändert die energiepolitische Landschaft

Wie man sieht, mußte sich Siemens mit dem Aufkommen der Anti-Kernkraft-Bewegung auf etwas härtere Zeiten einstellen, was das Nukleargeschäft im Inland betraf. Das Unternehmen durfte aber weiterhin mit der Unterstützung durch Politik und Elektrizitätswirtschaft rechnen. Weder wollte man auf weitere Reaktor-Neubauten verzichten noch auf das ganze Konzept der Wiederaufarbeitung mit "Schnellem Brüter" und Mischoxid-Brennelementen. Eine ganze Reihe weiterer Kernkraftwerke befand sich bereits in Planung. Zum Beispiel wollte RWE bei Neupotz am Rhein zwei weitere große KKW-Blöcke errichten, deren Inbetriebnahme im 1982 erschienen "Handbuch der Kernenergie" für 1990 schon als Faktum dargestellt wurde.

Die Situation änderte sich aber grundlegend am 6. April 1986, als in der Ukraine der Block 4 des sowjetischen Kernkraftwerks Tschernobyl explodierte. Im Unterschied zu Harrisburg, wo das Schlimmste gerade noch verhindert werden konnte, waren hier große Mengen an Radioaktivität ausgetreten und in alle Welt verstreut worden. Die bereits vorhandene kernkraftkritische Stimmung erhielt dadurch gewaltigen Auftrieb. Sie durchdrang nun alle gesellschaftlichen Bereiche und politischen Lager. Die bereits in Bau befindlichen Reaktoren konnten zwar noch vollendet werden. Sämtliche Planungen wurden aber auf Eis gelegt. Siemens erhielt keine neuen Inlands-Aufträge mehr.

Mülheim-Kärlich und der THTR werden nun sogar abgeschaltet

Zwei der neu errichteten Reaktoren wurden sogar nach kurzer Betriebsdauer wieder abgeschaltet. Es handelte sich um den Thorium-Hochtemperaturreaktor in Hamm (THTR-300) und den RWE-Reaktor in Mülheim-Kärlich. In beiden Fällen bewirkten letztendlich nicht die technischen oder juristischen Probleme das Aus, sondern aus politischer Sicht getroffene Entscheidungen. Übrigens waren beide Anlagen ausnahmsweise nicht von Siemens, sondern von BBC gebaut worden. Kalkar trug dem Mannheimer Kraftwerksbauer ein Defizit von mehreren hundert Millionen Mark ein. Noch härter traf den einzigen inländischen Konkurrenten von Siemens die Abschaltung des Hochtemperaturreaktors, der weltweit als Referenzanlage für diese Technologie dienen sollte (siehe: "Der Hochtemperaturreaktor: Konflikte, Interessen, Entscheidungen").

Der "Schnelle Brüter" wird zu einer gigantischen Investitionsruine

Aber auch Siemens spürte nun kräftigen Gegenwind. Der von der Tochter Interatom gebaute "Schnelle Brüter" in Kalkar durfte erst gar nichts ans Netz. Als er 1986 fertiggestellt war, verweigerte die Atomaufsicht des Landes Nordrhein-Westfalen die Genehmigung zur Einlagerung der Brennelemente. 1991 verfügte das Bundesforschungsministerium das endgültige Aus. Denn wie der erste Versuchsbrüter in Karlsruhe, der aus einer von Siemens gelieferten "Kompakten Natriumgekühlten Kernreaktoranlage" (KNK-1) entstand, wurde auch das sieben Milliarden Mark teure Großprojekt in Kalkar mit Steuergeldern finanziert. Im Unterschied zu den Reaktoren in Mülheim-Kärlich und Hamm blieb der Brüter in Kalkar eine radioaktiv unverseuchte Investitionsruine.

Hessische Atomaufsicht zieht in Hanau und Biblis die Daumenschrauben an

In Hessen, wo sich die meisten nukleartechnischen Betriebe von Siemens befanden, kam es 1985 zur Bildung einer Landesregierung aus SPD und Grünen. Letztere stellten mit Joschka Fischer den Umweltminister, der auf Landesebene für die Atomaufsicht zuständig war. Die bisher wohlwollende Haltung der Behörden gegenüber den Nuklearbetrieben, die sogar Züge einer Kumpanei trug, schlug damit ins Gegenteil um. Weil die Plutoniumverarbeitung ohne gesetzliche Grundlage stattfand, wollte Fischer der Alkem die Genehmigung entziehen. Dazu kam es vorerst zwar nicht, weil der SPD-Ministerpräsident Holger Börner lieber die Koalition mit den Grünen platzen ließ. Aber auch unter der nun folgenden Landesregierung aus CDU und FDP wurde die Atomaufsicht etwas gründlicher gehandhabt als früher. Als es dann 1991 zu einer Neuauflage der rot-grünen Koalition in Wiesbaden kam, nutzte Fischer alle sich bietenden Möglichkeiten, um die Hanauer Nuklearbetriebe sowie die beiden RWE-Reaktoren in Biblis mit Verfügungen und Verboten zu überziehen (911107). 1994 beendete Siemens die Herstellung von Mischoxid-Brennelementen in der Hanauer Altanlage (940403) und kündigte an, im folgenden Jahr auch die Uranverarbeitung aufzugeben (941205).

Stromkonzerne unterstützen Siemens nur noch bedingt

Die Elektrizitätswirtschaft besann sich unterdessen auf ihre eigenen Interessen und ging zunehmend andere Wege als Siemens. Im Mai 1989 verzichtete sie auf den Weiterbau der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf. Im November 1992 regten die Vorstandsvorsitzenden der beiden Energiekonzerne RWE und Veba (PreussenElektra) in einem Brief an den Bundeskanzler erstmals Gespräche über einen Energiekonsens an (921203). Daß Siemens 1994 die Hanauer Altanlage zur Fertigung von Mischoxid-Brennelementen aufgab, lag auch und vor allem daran, daß die Kernkraftwerksbetreiber nicht mehr bereit waren, einen großen Teil der Bereithaltungskosten zu übernehmen (940403). Ein Jahr später zogen sich die Kernkraftwerksbetreiber auch aus der Finanzierung der neuen Anlage zur Herstellung von Mischoxid-Brennelementen in Hanau zurück (950607), worauf Siemens auf die Fertigstellung der Anlage verzichtete und die Herstellung solcher Brennelemente gänzlich einstellte. Das Konzept der Wiederaufarbeitung war damit praktisch tot.

Ergebnislose Verhandlungen über einen "Energiekonsens"

Die von den Konzernchefs Gieske (RWE) und Piltz (Veba) initiierten Verhandlungen über einen Energiekonsens begannen im März 1993 mit einer Runde aus Politikern von Union, FDP, SPD und Grünen (930301). In diesem und weiteren Gesprächen machte sich die Regierungskoalition aus Union und FDP weitgehend die Interessen der Kernkraftwerksbetreiber zueigen, die zwar zur offiziellen Beerdigung der Wiederaufarbeitung bereit gewesen wären, aber auf dem Weiterbetrieb und möglichen Neubau von Kernkraftwerken bestanden (930516). Es zeigte sich schnell, daß auf dieser Basis keine Einigung mit den Oppositionsparteien SPD und Grüne möglich war (930601). Die Oppositionsparteien nutzten unterdessen weiterhin alle Chancen, den Kernkraftwerksbetreibern dort auf die Füße zu treten, wo sie auf Landesebene die Atomaufsicht kontrollierten (931212, 950606, 970213, 971003, 971107).

Nach dem Wahlsieg von SPD und Grünen müssen die Energiekonzerne klein beigeben

Ende 1998 veränderte der Wahlsieg der Oppositionsparteien die politischen Machtverhältnisse auch auf Bundesebene. In den Koalitionsverhandlungen vereinbarten SPD und Grüne den schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie (981001). Die entsprechende gesetzliche Regelung sollte aber nicht über den Kopf der Stromwirtschaft hinweg getroffen werden, sondern möglichst mit deren Zustimmung erfolgen. So kam es schließlich im Juni 2000 zwischen der Bundesregierung und den vier Kernkraftwerksbetreibern zu einer ersten "Vereinbarung zur geordneten Beendigung der Kernenergie" (000601), die ein Jahr später von beiden Seiten verbindlich gemacht wurde (010602). Der Inhalt dieser Vereinbarung wurde anschließend in eine Neufassung des Atomgesetzes umgesetzt (020404).

Der Zweck des Atomgesetzes war nun nicht mehr - wie früher - die Förderung der Kernenergie, sondern deren geordnete Beendigung. Es untersagte den Neubau von Kernkraftwerken und befristete die Regellaufzeit der bestehenden Kernkraftwerke auf 32 Jahre ab Inbetriebnahme. Die Entsorgung wurde auf die direkte Endlagerung beschränkt. Die Wiederaufarbeitung von Brennelementen – die ohnehin nur noch im Ausland stattfand – wurde ab dem 1. Juli 2005 verboten. An den Standorten der Kernkraftwerke mußten Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente errichtet werden. Die Deckungsvorsorge für Risiken durch Kernkraftwerke wurde auf 2,5 Milliarden Euro verzehnfacht. Der politischen Symbolik wegen erfolgte die Verkündung des Atom-Ausstiegsgesetzes im Bundesgesetzblatt am 26. April 2002 – auf den Tag genau 16 Jahre nach der Katastrophe im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl.

Siemens setzte zunächst alle Hoffnung auf den "Europäischen Druckwasser-Reaktor"

Während der ersten Phase der Verhandlungen über einen Energiekonsens hatte Siemens noch gehofft, mit dem neu entwickelten "Europäischen Druckwasser-Reaktor" (EPR) punkten zu können, der sogar im Falle einer Kernschmelze den Austritt von Radioaktivität verhindern sollte (920103). Neben erhöhter Akzeptanz in der Öffentlichkeit versprach sich Siemens von diesem Reaktor zugleich einen handfesten Konkurrenzvorteil, denn seit 1994 stellte das Atomgesetz genau diese erhöhten Anforderungen (940401). Durch eine weitere Änderung des Atomgesetzes ermöglichte die Bundesregierung 1997 ein standortunabhängiges Prüfverfahren für den EPR, um die Genehmigungsverfahren zu verkürzen (970701). Die Entwicklung des EPR besorgte die Nuclear Power International (NPI), ein 1989 gegründetes Gemeinschaftsunternehmen von Siemens und dem französischen Reaktorbauer Framatome. An den Kosten beteiligten sich deutsche Energiekonzerne und die Electricité de France zur Hälfte (951115). Allerdings war bei den deutschen Stromkonzernen das Interesse an dem Projekt deutlich geringer als bei Siemens und der Bundesregierung. Wohl auch deshalb ließ Siemens im August 1997 verlauten, daß der EPR mit etwa 4,2 Millionen Mark noch billiger sein werde als die Konvoi-Reaktoren, die bei etwas geringerer Leistung rund 4,5 Milliarden Mark gekostet hatten (970811).

Der EPR spielte auch bei den festgefahrenen Energiekonsens-Gesprächen eine Rolle: Der damalige SPD-Verhandlungsführer Gerhard Schröder schlug 1993 vor, ein generelles Genehmigungsverbot für neue Kernkraftwerke im Grundgesetz zu verankern, aber den Bau eines neuen, besonders sicheren Reaktors zu erlauben, der als Referenzanlage zur Verhinderung eines wirtschaftlich-technologischen "Fadenrisses" auf dem Gebiet der Kernenergie dienen sollte. Der damalige niedersächsische Ministerpräsident scheiterte mit diesem Kompromißvorschlag aber an der Ablehnung durch das SPD-Präsidium (931001).

Weit und breit keine neuen Aufträge in Sicht

Mit dem 1998 erfolgten Regierungswechsel und der seit Juni 2000 vorliegenden Einverständniserklärung der deutschen Stromwirtschaft zum Ausstieg aus der Kernenergie konnte Siemens nicht mehr hoffen, den EPR in Deutschland loszuwerden. Auch international herrschte Flaute bei der Auftragserteilung für Kernkraftwerke. In den USA trennte sich deshalb 1998 der ehemals führende KKW-Hersteller und Siemens-Lizenzpartner Westinghouse ganz vom Kraftwerksgeschäft, wobei die britische BNFL die nukleare Sparte und Siemens die konventionelle Technik übernahm (971106). Im Dezember 1999 verkaufte der ABB-Konzern als Nachfolger der früheren BBC sämtlichen nuklearen Aktivitäten einschließlich der Mannheimer ABB Reaktor GmbH an BNFL (000420).

Siemens verdiente nur noch bei Brennelementlieferungen, im Service für bestehende Kraftwerke sowie mit der Nachrüstung von osteuropäischen Leichtwasserreaktoren, die nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums dem westlichen Sicherheitsstandard angenähert werden sollten (920211). Beim Export von Atomkraftwerken sah es dagegen fast so trübe aus wie im Inland. Sogar in Frankreich war seit Jahren kein neues Kernkraftwerk mehr in Auftrag gegeben worden. Innerhalb der KWU machte das Kernenergiegeschäft nur noch knapp ein Viertel der Umsätze aus. Und aus der Sicht des Gesamtkonzerns war es vor allem ein Störfaktor. Der damalige Vorstandsvorsitzende Heinrich von Pierer soll sich mehrfach darüber beklagt haben, dass die Atomgeschäfte nur für 2 Prozent Umsatzes, aber für 90 Prozent des Ärgers bei Siemens sorgen würden...

Siemens will sein Nukleargeschäft erst an BNFL verkaufen, entscheidet sich dann aber für Framatome

Schon vor dem Regierungswechsel erwog Siemens deshalb die Zusammenlegung seines gesamten Nukleargeschäfts mit einem internationalen Partner. Zunächst war dafür die British Nuclear Fuels (BNFL) ausersehen, denn die Framatome, mit der man bereits im Rahmen von Nuclear Power International zusammenarbeitete, empfahl sich nicht mehr als Partner, seitdem der Siemens-Konkurrent Alcatel-Alsthom dort als Mehrheitsaktionär einsteigen wollte. Es tauchten sogar bereits Zweifel am Fortbestand der deutsch-französischen Partnerschaft auf (970103).

Im Oktober 1997 gaben Siemens und BNFL die bevorstehende Zusammenlegung ihres Kernenergiegeschäfts offiziell bekannt (971002). Dazu kam es dann aber doch nicht. BNFL übernahm stattdessen das Nukleargeschäft von Westinghouse, und Siemens vollzog eine Neuorientierung auf Framatome, wo inzwischen der Verwaltungsrat die Übernahme der bisher staatlichen Kapitalmehrheit durch Alcatel-Alsthom abgelehnt hatte. Ende 1999 unterzeichneten Siemens und Framatome eine Grundsatzerklärung über die geplante Zusammenlegung ihres Nukleargeschäfts (991220). Anfang 2001 war der neue Weltmarktführer bei Kernkraftwerken und Dach und Fach (010215).

Aus der bisher punktuellen Zusammenarbeit zwischen Siemens und dem französischen Staatsunternehmen Framatome bei der Entwicklung des EPR oder der Nachrüstung von osteuropäischen Kernkraftwerken (960407) wurde so eine Verschmelzung der beiderseitigen Nuklearaktivitäten. Es war von vornherein klar, daß in diesem Bündnis Siemens der schwächere Partner sein würde. Er mußte sogar zuzahlen, um seine Beteiligung an dem neuen Gemeinschaftsunternehmen Framatome Advanced Nuclear Power (ANP) wenigstens auf 34 Prozent erhöhen zu können (000717). Und es konnte nun auch nicht mehr die Rede davon sein, die Entwicklung des EPR unter der Leitung von Siemens stattfinden zu lassen, wie dies noch im Rahmen von NPI der Fall gewesen war. Im Grund verkaufte Siemens sein ganzes Nukleargeschäft an das französische Staatsunternehmen und bekam dafür eine Minderheitsbeteiligung ohne wesentliche Mitspracherechte.

Aus der Sicht der deutschen Kernkraftgegner war der Niedergang von Siemens als Reaktorbauer und Kerntechnik-Spezialist sicher nicht zu bedauern. Auch wer die Kernenergie nach wie vor als ultima ratio in Erwägung zog, falls die Abhängigkeit von Kohle und Gas zu groß werden und die Entwicklung der erneuerbaren Energien nicht genügend vorankommen sollte, konnte einigermaßen zufrieden sein. Denn die Leichtfertigkeit, mit der bis in die achtziger Jahre die radioaktiven Risiken und insbesondere die des sogenannten "Brennstoffkreislaufs" verharmlost wurden, läßt nachträglich schaudern. Nun war die Leichtfertigkeit zumindest über die deutsch-französische Grenze hinweg verlagert worden (080705).

Das Geschäft mit dem EPR läuft nicht so, wie Siemens sich das dachte

Zunächst schien auch Siemens mit der reinen Finanzbeteiligung an Framatome ANP und der Aufgabe aller in vierzig Jahren erworbenen nukleartechnischen Kompetenz ganz gut leben zu können. Man war den Ärger los und konnte doch mitkassieren, wenn es mit dem Reaktorgeschäft wieder aufwärts ging. Zudem konnte man die eigene Kraftwerkstechnik in den konventionellen Teil der Projekte einbringen. So ungefähr stellte man sich das wohl vor.

Aber schon der erste Auftrag für den EPR, der Ende 2003 aus Finnland kam (031205), war eine gründliche Enttäuschung. Die Bauausführung verzögerte sich und die Kosten stiegen beträchtlich. Auch der Bau des zweiten EPR in Frankreich (041006) kam nicht so recht voran und wird voraussichtlich um ein Fünftel teurer als geplant. Statt Gewinnen drohten Verluste. Daß der französische Staatschef Sarkozy weltweit mit dem einst maßgeblich von Siemens entwickelten EPR hausieren ging und etliche Verkaufserfolge erzielte (080508, 080808, 080910), war unter diesen Umständen kein Lichtblick, sondern ein drohendes finanzielles Risiko.

Denn inzwischen war die Framatome ANP nur noch eine Tochter unter dem Dach der Holding Areva, in der sie der französische Staat mit dem Kerntechnik-Unternehmen Cogema zusammengeführt hatte (010916). Die Framatome hieß nun Areva NP, und es zeichnete sich ab, daß die Holding Areva S.A. ihre Gewinne weniger mit dem Bau von Reaktoren als mit dem anschließenden Geschäft mit Brennelementen zu machen hoffte. Siemens war indessen nur am Reaktorbauer Areva NP beteiligt und hatte kaum Einfluß auf dessen unternehmerische Führung, während das Geschäft mit Brennelementen unter dem Dach des Mutterkonzern Areva S.A. der Cogema oblag, die nunmehr Areva NC hieß. Spätere Gewinne aus dem Geschäft mit Brennelementen, die mit Dumping-Preisen für den EPR erkauft wurden, flossen also an Siemens vorbei.

Alstom kommt Siemens erneut in die Quere

Die größere Gefahr sah Siemens zunächst jedoch darin, sogar die Rolle des Minderheitsaktionärs bei Areva NP zu verlieren. Der französische Staatschef Sarkozy wollte nämlich den Nuklearkonzern Areva mit dem Kraftwerksbauer Alstom sowie dem Bau- und Infrastrukturkonzern Bouygues zusammenlegen und so einen Konzern schmieden, der nukleare und fossile Kraftwerkstechnik unter einem Dach vereint (070703). Die GEC Alstom, wie sie seit 1998 hieß, war Siemens schon zehn Jahre früher bei Framatome in die Quere gekommen und der Grund für die anfängliche Orientierung auf BNFL gewesen. Als führender Hersteller von Kraftwerken für fossile Brennstoffe war sie ein direkter Rivale von Siemens und konkurrierte auch auf anderen Gebieten wie bei der Herstellung von Hochgeschwindigkeitszügen. In Deutschland hatte GEC Alstom im Jahr 2000 die konventionelle Kraftwerkssparte von ABB (früher BBC) übernommen (000420). Ein Nebeneinander von Siemens und Alstom unter dem Dach des von Sarkozy geplanten französischen Kraftwerkstechnik-Konzerns war deshalb schlecht vorstellbar. Vielmehr lief alles auf die Ausbootung von Siemens bei Areva NP hinaus, denn bei der Gründung des Gemeinschaftsunternehmens hatte sich der französische Vertragspartner die Option einräumen lassen, den Siemens-Anteil frühestens 2009 und spätestens 2011 zu übernehmen.

Siemens dreht den Spieß um und kündigt die Beteiligung an Areva NP von sich aus

Eineinhalb Jahre lang drehte sich die öffentliche Diskussion nur darum, ob Frankreich die nunmehr bekanntgewordene Option tatsächlich ausüben und den Minderheitspartner Siemens aus dem französischen Reaktorgeschäft drängen würde. Sogar die Bundesregierung schaltete sich ein, um Sarkozy von seinen Fusionsplänen abzuhalten oder Siemens eine Beteiligung an der Areva Holding zu ermöglichen (070912). Daß auch Siemens über die Möglichkeit verfügte, sich die Beteiligung an Areva NP auszahlen zu lassen, blieb vorläufig so unbekannt wie zuvor die Option von Areva.

Entsprechend groß war die Überraschung, als Vorstand und Aufsichtsrat von Siemens im Januar 2009 nun ihrerseits die Beteiligung an Areva NP kündigten (090104). Offenbar befürchtete die Konzernspitze, mit Areva im falschen Zug zu sitzen, wenn der Bau von Reaktoren weltweit wieder in Fahrt kommen würde, wie sich das immer deutlicher abzuzeichnen schien. Mit der Kündigung des Vertrags wurde sozusagen die Notbremse gezogen, um noch rechtzeitig aussteigen zu können.

Der Pakt mit dem russischen Atomkonzern wird nun auch offiziell geschlossen

Es gab allerdings auch Vorzeichen dafür, daß Siemens längst zwei Eisen im Feuer hatte: Im November 2007 schloß der Konzern ein Abkommen mit der russischen Atomenergiebehörde Rosatom, das eine Zusammenarbeit im Energiebereich und speziell bei der Nukleartechnik vorsah. Bezeichnenderweise legte Siemens überhaupt keinen Wert darauf, dieses Abkommen bekanntzugeben. Eine entsprechende Mitteilung erschien nur auf den Internet-Seiten für Rußland und nur in russischer Sprache (071112). Man setzte damals wohl noch immer auf eine stärkere Beteiligung am französischen Nukleargeschäft.

Nach der Kündigung des Vertrags mit den Franzosen reiste der Siemens-Vorstand unverzüglich nach Moskau, um sich dort von der Kreml-Führung offiziell den Segen geben zu lassen und die vor mehr als einem Jahr vereinbarte Zusammenarbeit festzuklopfen (090202). Es wird nun wohl zur Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens kommen, das die neuere Generation der russischen Leichtwasserreaktoren (081103) weltweit vertreiben soll. Als Geschäftspartner von Rosatom wird Siemens also in Konkurrenz zum EPR treten, der ursprünglich im eigenen Hause konzipiert wurde und den Frankreich nun als Exportschlager verkauft. Unklar bleibt vorläufig, ob sich der ehemalige deutsche Nuklear-Riese dabei ausschließlich auf die russische Technik verlassen oder wieder ein eigenes Fachwissen aufbauen will. Vorläufig hat er jedenfalls nur Geld, konventionelle Technik und geschäftlich-politische Verbindungen zu bieten. Oder mit den Worten der Areva-Vorstandsvorsitzende Anne Lauvergeon: "Siemens wird von null anfangen, weil sie weder die Technik noch das Personal haben."

 

 

Die noch in Betrieb befindlichen deutschen Kernkraftwerke wurden alle von Siemens/KWU gebaut

Quellen: Bundesamt für Strahlenschutz, Reststrommengen 2008 / Deutsches Atomforum, Kerntechnische Anlagen in Deutschland 1991)

 

Kernkraftwerke (in Betrieb) Typ Elektr. Leistung
(netto) MW
Jahr der Inbetriebnahme Verbleibende Reststrommenge in GWh am 1.1.2008 Auftragnehmer Auftraggeber Anzahl Ereignisse seit der Inbetriebnahme1)
GKN–1 Kernkraftwerk Neckarwestheim 1 DWR 785
1976
10.248
KWU
Deutsche Bundesbahn, Neckarwerke Elektrizitätsversorgungs-AG, Technische Werke der Stadt Stuttgart AG, Württembergisches Portland-Cement-Werk zu Lauffen a.N.
417
GKN–2 Kernkraftwerk Neckarwestheim 2 DWR 1225
1988
152.214
KWU
Neckarwerke Elektrizitätsversorgungs-AG (39%), Technische Werke der Stadt Stuttgart AG (21%), Deutsche Bundesbahn (17%), Energie-Versorgung Schwaben AG (20%), Zementwerk Lauffen – Elektrizitätswerks Heilbronn (3%)
69
KBR Kernkraftwerk Brokdorf DWR 1326
1986
128.360
KWU
PreussenElektra AG (80%), Hamburgische Electricitäts-Werke AG (20%)
198
KKB Kernkraftwerk Brunsbüttel SWR 771
1976
11.000
KWU
Hamburgische Electricitäts-Werke AG (66,66 %), PreussenElektra AG (33,33%)
453
KKE Kernkraftwerk Emsland, Lingen DWR 1270
1988
141.824
KWU
Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen AG(75%), Elektromark – Kommunales Elektrizitätswerk Mark AG (25%)
107
KKG Kernkraftwerk Grafenrheinfeld DWR 1235
1982
69.588
KWU
Bayernwerk AG
210
KKI–1 Kernkraftwerk Isar 1, Essenbach SWR 870
1977
24.249
KWU
Bayernwerk AG (50%), Isar-Amperwerke AG (50%)
270
KKI–2 Kernkraftwerk Isar 2, Essenbach DWR 1310
1988
139.141
KWU
Bayernwerk AG (40%), Isar-Amperwerke AG (25%), Stadtwerke München (25%), OBAG (10%)
65
KKK Kernkraftwerk Krümmel SWR 1260
1983
 
88.580
KWU
Hamburgische Electricitäts-Werke AG (50%), PreussenElektra AG (50%)
311
KKP–1 Kernkraftwerk Philippsburg 1 SWR 864
1979
28.656
KWU
Badenwerk AG (50%), Energie-Versorgung Schwaben AG (50%)
325
KKP–2 Kernkraftwerk Philippsburg 2 DWR 1268
1984
113.511
KWU
Badenwerk AG (50%), Energie-Versorgung Schwaben AG (50%)
171
KKU Kernkraftwerk Unterweser, Esenshamm DWR 1230
1978
43.596
KWU / Hochtief AG
PreussenElektra AG
316
KRB–B Kernkraftwerk Gundremmingen B SWR 1249
1984
79.749
KWU / Hochtief AG
Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG (75%), Bayernwerk AG (25%)
100 + 72)
KRB–C Kernkraftwerk Gundremmingen C SWR 1249
1984
89.116
KWU / Hochtief AG
Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG (75%), Bayernwerk AG (25%)
92
KWB-A Kernkraftwerk Biblis A DWR 1146
1974
13.681
KWU / Hochtief AG
Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG
403 + 42)
KWB-B Kernkraftwerk Biblis B DWR 1240
1976
22.955
KWU / Hochtief AG
Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG
395
KWG Kernkraftwerk Grohnde DWR 1300
1984
113.842
KWU
Gemeinschaftskraftwerk Weser GmbH (50%), PreussenElektra AG (50%)
203

Unter den stillgelegten Kernkraftwerken befinden sich vier Reaktoren von Siemens:

 

Kernkraftwerke (außer Betrieb) Typ Elektr. Leistung
(netto) MW
Jahr der Inbetriebnahme
Jahr der endgültigen Abschaltung Auftragnehmer Auftraggeber Anzahl Ereignisse seit der Inbetriebnahme1)
AVR Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor Jülich HTR 13
1966
1988
BBC  
76
KKR Kernkraftwerk Rheinsberg DWR 63
1966
1990
(DDR)  
363)
KKS Kernkraftwerk Stade DWR 640
1972
2003
Siemens AG / KWU PreussenElektra AG (66,66%), Hamburgische Electricitäts-Werke AG (33,33%)
316
KMK Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich DWR 1219
1987
2001 4)
BBC / Hochtief AG Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG
179
KNK–II Kompakte natriumgekühlte Kernanlage, Eggenstein-Leopoldhafen SNR 20
1977
1991
Siemens AG  
128
KRB–A Kernkraftwerk Gundremmingen A SWR 237
1966
1977
AEG Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG, Bayernwerk AG
26
KGR 1-5 Kernkraftwerk Greifswald DWR 5 x 408
1973 bis 1989
1990
(DDR)  
86 3)
KWL Kernkraftwerk Lingen SWR 240
1968
1977
AEG Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen AG
30
KWO Kernkraftwerk Obrigheim DWR 340
1968
2005
Siemens AG Energie-Versorgung Schwaben AG (35%), Badenwerk (28%) Technische Werke Stuttgart AG (14%), Neckarwerke (10%), Stadt Karlsruhe (5%), Kraftübertragungswerke Rheinfelden (3%), Stadtwerke Ulm Neu-Ulm GmbH (2,2%), Württ. Portland-Cement-Werke zu Lauffen a.N. (1,7%), fünf örtliche Versorger (1,1%)
267
KWW Kernkraftwerk Würgassen SWR 640
1971
1994
AEG PreussenElektra AG
278
MZFR Mehrzweck-
forschungreaktor, Eggenstein-Leopoldshafen
DWR 50
1965
1984
Siemens AG  
46
THTR–300 Thorium-Hochtemperatur-
reaktor, Hamm-Uentrop
HTR 296
1983
1988
BBC Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen AG und mehrere kommunale Versorger
125
VAK Versuchsatomkraftwerk Kahl SWR 15
1960
1985
AEG Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG (80%), Bayernwerk AG (20%)
34

1) Stand: 30.06.2008
2) Ereignisse in gemeinsamen Einrichtungen der Doppelblockanlage
3) Ereignisse ab dem 3.10.1990
4) Stillstand bereits seit 1988 infolge Gerichtsbeschluß

Abkürzung der Reaktortypen:

DWR Druckwasserreaktor
HTR Hochtemperaturreaktor
SNR Schneller Brutreaktor
SWR Siedewasserreaktor

 

Literaturhinweise:


Wolfgang D. Müller, Geschichte der Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland, Anfänge und Weichenstellungen, Schäffer-Poeschel Verlag, 1990

Joachim Radkau, Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945 - 1975, Rowohlt Taschenbuch, 1983

Joachim Radkau, Das RWE zwischen Braunkohle und Atomeuphorie 1945 - 1968 (Beitrag im RWE-Jubiläumsband "Der Gläserne Riese", Gabler, 1998)

Hans Michaelis / Carsten Salander (Hg.), Handbuch Kernenergie, VWEW, 1995

Hans Michaelis (Hg.), Handbuch der Kernenergie (2 Bd.), Econ, 1986

Hans Michaelis (Hg.), Handbuch der Kernenergie (2 Bd.), dtv, 1982

Bernhard Plettner, Siemens und die Entwicklung der Elektrotechnik seit 1945, Piper, 1994

Kerntechnik-Anlagen in Deutschland, Broschüre des Deutschen Atomforums, 1991

Holger Strohm, Friedlich in die Katastrophe, Zweitausendeins, 1988

Udo Leuschner, Baut Bonn an der Atombombe?, Blätter für deutsche und internationale Politik, März 1964