Juni 2007

070615

ENERGIE-CHRONIK


Überhöhte Solarstrom-Förderung bremst Entwicklung der Photovoltaik und addiert sich zu Milliarden-Lasten

Ausgerechnet die üppigen Vergütungen für Strom aus Solarzellen, die das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gewährt, drohen zum Hindernis für die Weiterentwicklung der Photovoltaik zu werden. Außerdem ergeben sich aus den derzeitigen gesetzlichen Garantien Milliarden-Lasten für die Verbraucher, die auf Dauer nicht haltbar sind. Dieser Ansicht sind die Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS) und der Aachener Solar-Verlag, der die Zeitschrift "photon" herausgibt. Dagegen machen sich der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) und die von der Solarpraxis AG herausgegebenen Publikationen zum Sprecher jenes Teils der Branche, der um seine bisherigen Gewinne fürchtet, wenn die EEG-Vergütungen stärker als bisher abgesenkt werden. Die Meinungsverschiedenheiten in diesen und anderen Fragen haben die DGS veranlaßt, ihr Vereinsorgan "Sonnenenergie" dem Solarpraxis-Verlag zu entziehen, in dem es seit 2001 erschien.

Für stärkere Degression bei der Vergütung von Solarstrom

Das seit 2004 geltende Erneuerbare-Energien-Gesetz vergütet in 11 EEG die Netzeinspeisung von Solarstrom je nach Art der Anbringung und Größe der Anlage mit Sätzen zwischen 45,7 und 62,4 Cent pro Kilowattstunde. Zugleich wird die Vergütung jährlich um 5 Prozent für Dachanlagen bzw. 6,5 Prozent für Freiflächenanlagen abgesenkt, weshalb für eine neue Dachanlage bis 30 Kilowatt, die in diesem Jahr ans Netz geht, die Vergütung anstelle von ursprünglich 57,4 nur noch 49,21 Cent pro Kilowattstunde beträgt. Die Bundesregierung erwägt derzeit eine Novellierung des EEG, wobei die Degression für Dachanlagen auf 6,5 Prozent und für Freiflächenanlagen auf 8,5 Prozent erhöht werden soll.

Nach Ansicht von "Photon" muß die degressiv gestaffelte Vergütung noch stärker abgesenkt und damit der realen Kostenentwicklung bei den Photovoltaik-Herstellern angepaßt werden. Die im Bundesumweltministerium erwogene Erhöhung reiche nicht aus. Wie das Magazin in seiner Mai-Ausgabe schrieb, werden die Verbraucher sonst durch die bis zum Jahr 2010 ans Netz gehenden Anlagen – bei dann zwei Prozent Anteil der Photovoltaik an der gesamten Stromerzeugung – mit voraussichtlich 77 Millliarden Euro belastet. Bei Fortschreibung der Entwicklung bis zum Jahr 2020 und einem dadurch erreichten Anteil der Photovoltaik von 15 Prozent an der Stromerzeugung wüchsen die gesetzlich kumulierten Kosten auf rund 250 Milliarden Euro.

Hersteller geben Kostensenkungen nicht an Anwender weiter

Grundsätzlich hätten sich die Preise für Photovoltaik-Anlagen seit 2004 von den tatsächlichen Kosten der Hersteller abgekoppelt. Weil die Nachfrage weitaus größer sei als das Angebot, würden Kostensenkungen nicht mehr an die Kunden weitergegeben. Die Umsatzrendite des Bonner Solarworld-Konzerns liege inzwischen über der von Google, die des Solarzellenherstellers Q-Cells über der von Ebay. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von der Siliziumproduktion bis zum fertigen Modul, habe die Industrie gemäß einer Studie von "Photon Consulting" ihre durchschnittliche Umsatzrendite binnen zwei Jahren von 15 auf 30 Prozent verdoppelt. Die installierenden Handwerker hätten dagegen weniger profitiert, da sie unter dem unvermindert hohen Niveau der Einkaufspreise für Solarmodule litten.

Die am 14. Juni 2007 erstmals von der Solarpraxis AG herausgegebene Zeitschrift "Photovoltaik – Magazin für Profis" glaubt dagegen bereits ein Ende des Solar-Booms als Folge der Degression im EEG zu erkennen. Und der Vorsitzende des Bundesverbands Solarwirtschaft, Carsten Körnig, verteidigte die gegenwärtige EEG-Regelung mit dem Argument, daß die Kernenergie mit hundert Milliarden Euro gefördert worden sei und die Steinkohle sogar doppelt soviel gekostet habe.

DGS-Mitglieder erhielten zwei verschiedene Juni-Ausgaben der "Sonnenenergie"

Die Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS) hat im April den Produktions- und Herausgebervertrag mit der Solarpraxis AG für ihr Vereinsorgan "Sonnenenergie" fristlos gekündigt und gibt das Blatt jetzt wieder im Eigenverlag heraus. Sie begründete dies mit mangelnder inhaltlicher Qualität des Blattes, Eigenmächtigkeiten von Redaktion und Verlag sowie der zunehmend rein kommerziellen Orientierung der Solarpraxis AG, die vor knapp einem Jahr an die Börse ging. "Meldungen in der 'Sonnenenergie' sollen wieder Sachbezug haben und keinen PR-Charakter", umriß die DGS das neue Konzept. "Fachartikel werden nicht nach Werberelevanz bearbeitet, sondern vom Inhalt diktiert, auch wenn dies dazu führt, dass es mal länger wird."

Trotz der Kündigung des Vertrags hat die Solarpraxis AG Ende Juni eine weitere Ausgabe der "Sonnenenergie" erstellt und an die Mitglieder des Vereins verschickt, die ihrerseits von der DSG die erste Ausgabe aus dem Eigenverlag bekamen. Die Solarpraxis AG will die Zeitschrift auch weiterhin produzieren und erhob Klage auf Fortsetzung des bis 2011 befristeten Vertrags. Die juristische Auseinandersetzung dauert an.

Link (extern, ohne Gewähr)

Da die Netzeinspeisung von Solarstrom durch das EEG rentabel gemacht wurde, hat vor allem seit Inkrafttreten des zweiten EEG im Jahre 2004 die Zahl und installierte Leistung der Photovoltaik-Anlagen stark zugenommen. Der Anteil des Solarstroms am deutschen Bruttostromverbrauch stieg seit 1990, als das erste Stromeinspeisungsgesetz in Kraft trat, von unterhalb des Promille-Bereichs um weit mehr als das Tausendfache auf etwa 0,4 Prozent (siehe Tabelle). Allerdings wurde dieser Kraftakt mit einer enormen Subventionierung zu Lasten der Stromverbraucher erkauft. Hinzu kommt die Unbeständigkeit der solaren Stromerzeugung, die bisher nur deshalb keine netztechnischen Probleme bereitet, weil sie insgesamt unbedeutend geblieben ist.

Beitrag der erneuerbaren Energien zur Stromerzeugung in Deutschland 1990 - 2006 (in Gigawattstunden)


Wasser Wind Biomasse** Solar Geothermie Summe

Anteil am deutschen Bruttostromverbrauch in Prozent

Solar-Anteil am Bruttostromverbrauch in Prozent
1990 17000 40 1422 1 0 18463 3,4 0,0002
1991 15900 140 1450 2 0 17492 3,2 0,0004
1992 18600 230 1545 3 0 20378 3,8 0,0006
1993 19000 670 1570 6 0 21246 4,0 0,0011
1994 20200 940 1870 8 0 23018 4,3 0,0015
1995 21600 1800 2020 11 0 25431 4,7 0,0020
1996 18800 2200 2203 16 0 23219 4,2 0,0029
1997 19000 3000 2479 26 0 24505 4,5 0,0048
1998 19000 4489 3392 32 0 26913 4,8 0,0057
1999 21300 5528 3641 42 0 30511 5,5 0,0076
2000 24936 7550 4129 64 0 36679 6,3 0,0110
2001 23383 10509 5065 116 0 39073 6,7 0,0198
2002 23824 15859 5962 188 0 45833 7,8 0,0320
2003* 20350 18859 9132 333 0 48674 8,1 0,0554
2004* 21000 25509 10463 557 0,2 57529 9,5 0,0920
2005* 21524 27229 13534 1282 0,2 63569 10,4 0,2097
2006* 21600 30500 18588 2000 0,4 72688 11,8 0,3247


*vorläufige Angaben, teilweise geschätzt, Stand Februar 2007
** feste, flüssige, gasförmige Biomasse, biogener Anteil des Abfalls, Deponie- und Klärgas

Quelle: BMU-Mitteilung "Entwicklung der erneuerbaren Energien im Jahr 2006 in Deutschland, Stand: Februar 2007"