Mai 2001

010522

ENERGIE-CHRONIK


Stromnotstand in Kalifornien dauert an - drastische Aufschläge für Mehrverbrauch

Die Stromversorgungskrise in Kalifornien hält an und droht sich mit Beginn der heißen Jahreszeit weiter zu verschärfen. Am 7. Mai kam es erneut zu zeitweiligen Stromabschaltungen, weil mit den steigenden Temperaturen der Stromverbrauch der Klimaanlagen zunahm. Betroffen waren rund 300.000 Kunden der drei größten Energieversorger Pacific Gas & Electric, Southern California Edison und San Diego Gas & Electric. Auch für den folgenden Tag wurde die dritte und höchste Stufe des Elektrizitäts-Alarms ausgerufen, die es dem kalifornische Netzbetreiber ISO erlaubt, flächendeckende Stromabschaltungen vorzunehmen, um einen Zusammenbruch des Gesamtnetzes zu verhindern (Handelsblatt, 9.5.;).

Die Stromversorgung Kaliforniens obliegt drei Gesellschaften: Der PG & E Pacific Gas & Electric im Norden  mit ca. 4,5 Millionen Kunden, der SCE Southern California Edision in der Südhälfte mit ca. 4,3 Millionen Kunden und der SDG & E Sand Diego Gas & Electric ganz im Süden des Landes mit ca. 1,2 Millionen Kunden). Pacific Gas & Electric hat im April Konkurs angemeldet. Southern California Edison blieb dieses Schicksal nur erspart, weil der Staat das Netz zu einem vollkommen überhöhten Preis von 2,8 Milliarden Dollar kaufte (FAZ, 8.5.).

Die kalifornische Regulierungsbehörde Public Utilities Commission (PUC) beschloß am 15. Mai weitere drastische Preiserhöhungen. Demnach zahlen Privatkunden und Kleingewerbe Aufschläge bis zu 55 Prozent, wenn sie mehr als 130 Prozent ihres "Basisverbrauchs" beziehen, der je nach Klimazone und Jahreszeit monatlich 192 kWh bis 498 kWh betragen kann.  Andere Verbrauchergruppen werden in ähnlicher Weise belastet (VDI-Nachrichten, 25.5.).

Bisher 39 Tage mit Elektrizitäts-Alarm der höchsten Stufe

Am 7. Dezember vorigen Jahres mußte der kalifornische Netzbetreiber ISO zum ersten Mal die dritte und höchste Stufe des Elektrizitäts-Alarms ausrufen, weil die Kraftwerksreserven unter 1,5 Prozent zu fallen drohten (001220). Seitdem verging kein Monat ohne erneute Ausrufung des Energie-Nostandes. Allein vom 11. Januar bis zum 15. Februar galt an 31 Tagen Alarmstufe drei (010217). Am 19. und 20. März kam es erneut zu rotierenden Stromabschaltungen. Von Jahresbeginn bis Ende Mai herrschte an insgesamt 38 Tagen die höchste Stufe des Elektrizitäts-Alarms.

Die rapide Zunahme der Engpässe bei der kalifornischen Stromversorgung dokumentiert die monatliche Statistik des Netzbetreibers ISO (letzte Aktualisierung am 22. Mai):

Tage mit Elektrizitätsalarm der Stufen 1 - 3
1998 1999 2000 2001
Stufe 1 7 4 55 66
Stufe 2 5 1 36 61
Stufe 3 0 0 1 38

Nach den Regeln des Western System Coordinating Council (WSCC), zu dem die kalifornische Stromversorgung gehört, muß die Stromerzeugung ständig über eine Reserve von 7 Prozent verfügen, um Lastspitzen abfangen zu können. Wenn die Reserve unter diesen Wert sinkt, wird ein dreifach abgestufter Elektrizitäts-Alarm ausgerufen: Bei Stufe 1 (unter 7 Prozent Reserve) beschränkt sich der Alarm auf Appelle zum Energiesparen. Bei Stufe 2 (unter 5 Prozent Reserve) sind freiwillige Lastreduzierungen für unterbrechbare Kunden vorgesehen. Bei Stufe drei (unter 1,5 Prozent) darf der staatliche Netzbetreiber ISO bestimmte Verbrauchergruppen vorübergehend abschalten, um den völligen Zusammenbruch der Stromversorgung zu verhindern.

Denkschrift der EU-Kommission zu den Ursachen des Stromnotstandes

Die gegenwärtige Energiekrise in Kalifornien ist auf Fehler bei der Deregulierung Strommarktes zurückzuführen, nicht aber auf die Liberalisierung an sich. Zu diesem Schluß gelangt eine Denkschrift der EU-Kommission (Wortlaut als PDF-Datei), die am 14. Mai veröffentlicht wurde. Die Hauptfehler bei der 1996 eingeleiteten Deregulierung waren demnach

In Verbindung mit der ohnehin schwach ausgeprägten Versorgungssicherheit hätten diese Faktoren  zum gegenwärtige Energienotstand geführt. Zum Beispiel habe die obligatorische Abwicklung aller Geschäfte über die Strombörse den ohnehin schon oligopolistisch geprägten Strommarkt noch überschaubarer gemacht. Die Oligopole der Branche hätten die Situation für massive Preiserhöhungen ausgenutzt, wobei sie die Stromeinkaufspreise um bis zu 900 Prozent binnen eines Jahres hochschraubten.

Das künstlich erhöhte Preisniveau hätte in einem funktionierenden Markt eigentlich neue Marktteilnehmer anlocken und so über kurz oder lang wieder zu einem Sinken der Preise führen müssen, heißt es in dem Bericht weiter. Im Unterschied zu anderen US-Staaten wie Texas habe  dieser Marktmechanismus jedoch in Kalifornien aus verschiedenen Gründen nicht funktioniert. An erster Stelle seien hier die sehr strengen Planungsauflagen für neue Kraftwerke zu nennen: Während in den meisten Staaten der USA und der EU nur zwei Jahre bis zur Genehmigung eines neuen Kraftwerks erforderlich seien, vergingen in Kalifornien durchschnittlich sieben Jahre. Außerdem seien neue, konkurrierende Anlagen nur als Gaskraftwerke realisierbar, die in den USA 95 Prozent aller neuen Kraftwerkskapazitäten stellen. Der Gaspreis unterliege aber Schwankungen, die sich auf längere Sicht nicht vorhersagen lassen.

Ein weiterer Grund, weshalb in Kalifornien der Wettbewerb nicht funktioniert habe, sei die relative Isolierung des kalifornischen Strommarktes: Aufgrund technischer Engpässe bei den Leitungen sowie wegen des unterschiedlichen Stands der Deregulierung in den einzelnen US-Staaten könne er kaum von außen beeinflußt werden. Schließlich spiele auch noch eine Rolle, daß ein niederschlagsarmer Winter die vorhandenen Wasserkräfte geschmälert habe, gefolgt von einem heißen Sommer, in dem der Stromverbrauch durch Klimaanlagen besonders hoch war.

In Westeuropa könnten ähnliche Notstände kurz- und mittelfristig ausgeschlossen werden, heißt es in dem Papier, da hier der technisch-wirtschaftliche Rahmen der Stromversorgung wesentlich anders beschaffen sei. Dennoch führe das kalifornische Beispiel eine Reihe von Punkten vor Augen, auf die auch bei der Entwicklung und Vollendung des europäischen Strombinnenmarktes zu achten sei. Die Mitgliedsstaaten der EU und die Brüsseler Kommission müßten die Entwicklung auf dem Strommarkt entsprechend sorgsam beobachten.