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Die Deregulierung beseitigte die geschützten Versorgungsgebiete und eröffnete damit auch neue Möglichkeiten für den Handel mit Strom. Ohne die gleichzeitigen Fortschritte bei der elektronischen Datenverarbeitung und der Kommunikation per Internet wäre es aber kaum möglich gewesen, den damit verbundenen Aufwand in verträglichen Grenzen zu halten.

Am Anfang war die Deregulierung

Als 1992 die "Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke" (VDEW) ihr hundertjähriges Bestehen feierte, riskierte sie auch einen Blick in "Die Zukunft der Stromversorgung". – So war ein Buch betitelt, das die aus diesem Anlaß herausgegebene "Geschichte der Stromversorgung" ergänzen sollte. Als Herausgeber des Bandes fungierte ein renommierter Energiewirtschaftler.

Blättert man heute diesen Band durch, fällt auf, daß er sich auf technische Perspektiven der künftigen Stromversorgung beschränkte. Die Stichworte Stromhandel oder gar Strombörse kommen darin nicht vor. Überhaupt wird die wirtschaftliche Verfassung der Stromversorgung völlig ausgeblendet. Dabei hätte es allen Anlaß gegeben, gerade über die künftige Entwicklung auf diesem Gebiet zu spekulieren. Als das Buch erschien, untersuchte die sogenannte Deregulierungskommission schon seit fünf Jahren, wie die bisherige Struktur der deutschen Elektrizitätswirtschaft zerschlagen werden könnte, um für mehr Wettbewerb zu sorgen. Eine entsprechende Neufassung des Energiewirtschaftsgesetzes stand auf der politischen Tagesordnung und wurde sechs Jahre später verwirklicht.

Allerdings war wohl genau das der Grund, weshalb die wirtschaftliche Verfassung der Stromversorgung bei diesem Blick in die Zukunft ausgeblendet wurde. Die Branche wehrte sich damals noch geschlossen gegen die Deregulierungspläne. Sie machte dabei geltend, daß das bisherige System der "integrierten" Stromversorger mit ihren geschützten Versorgungsgebieten auch heute noch den technischen Notwendigkeiten entspreche und volkswirtschaftlich die beste Lösung sei.

Ein paar Jahrzehnte früher hätten die Verfechter der alten Ordnung sicher noch in allen Punkten recht behalten: Es wäre tatsächlich praktisch undurchführbar gewesen, die Erzeugung und den Vertrieb von Strom vom Betrieb der Netze zu trennen, der als "natürliches Monopol" auch die Monopolisierung der damit eng verbundenen Wertschöpfungsstufen bewirkt hatte. Kraftwerke, Netz und Stromvertrieb gehörten von Anfang an so eng zusammen wie bei der Eisenbahn die Schienen, der Zugbetrieb und die Fahrkartenschalter an den Bahnhöfen.

Die Strompreise stiegen, anstatt zu fallen

Inzwischen konnte das technische Argument gegen die Deregulierung entkräftet oder zumindest relativiert werden. Wie sich zeigte, war es tatsächlich möglich, die Netze getrennt von Erzeugung und Stromverkauf zu betreiben. Vor allem die Fortschritte bei der elektronischen Datenverarbeitung machten es möglich, den damit verbundenen Aufwand in einigermaßen verträglichen Grenzen zu halten. Vorhersehbar war dieser Beistand durch die Computerisierung allerdings nicht unbedingt. Insofern hatten die Deregulierer vielleicht mehr Glück als Verstand.

Längst hat auch die Stromwirtschaft umgeschwenkt. Der Saulus wandelte sich zum Paulus, der fortan die frohe Botschaft des "Wettbewerbs" verkündete. Jenseits der Lippenbekenntnisse ging es aber eher um die Verhinderung von Wettbewerb. Nachdem es der etablierten Stromwirtschaft nicht gelungen war, die Deregulierung zu verhindern, sprang sie auf den fahrenden Zug auf, um wenigstens die eine oder andere Weiche in ihrem Sinne stellen zu können. Mit den sogenannten Verbändevereinbarungen gelang es ihr, eine wirklich diskriminierungsfreie Regelung des Netzbetriebs über Jahre hinweg zu verhindern. Die Folge waren überhöhte Netznutzungsgebühren, von der alle etablierten Stromversorger profitierten, die aber insbesondere den vier marktbeherrschenden Konzernen zugute kamen und deren dominante Stellung festigten.

Indessen muß weiterhin als fraglich gelten, ob das alles auch volkswirtschaftlich sinnvoll war und ist. Aus der Sicht der Stromverbraucher jedenfalls hat die Deregulierung nicht den versprochenen Wettbewerb mit sinkenden Preisen bewirkt, sondern im Gegenteil eine Oligopolisierung der Stromwirtschaft mit beträchtlich gestiegenen Strompreisen zur Folge gehabt. Der nun einsetzende Stromhandel belastete das vorhandene Netz in einer Weise, für die es nicht ausgelegt war. Dadurch verringerte sich die Versorgungssicherheit, die vor allem in Deutschland bisher sehr hoch war. Und auch eine rationellere Nutzung der Primärenergien innerhalb der Europäischen Gemeinschaft – falls dies das eigentliche politische Ziel der Deregulierung gewesen sein sollte – wurde sicher nicht erreicht. So gesehen war die Deregulierung bisher ein Fehlschlag.

Auch die Strombörsen funktionierten nicht wie erhofft

Die Strombörsen bilden einen wesentlichen Teil des hier skizzierten Problems. Bei ihrer Einführung wurde gern auf die skandinavische Strombörse Nordpool verwiesen, die als erste Einrichtung dieser Art 1993 gegründet wurde und die für sinkende Strompreise gesorgt hatte. Ergo – so lautete das Versprechen – würden auch die anderen Strombörsen für sinkende Strompreise sorgen, indem sie das Angebot an Kraftwerksleistung und den Bedarf an Strom in optimaler Weise zusammenführen. In der Praxis zeigte sich aber bald, daß da wohl doch noch ein paar andere Faktoren wirksam waren. Gerade die Strombörsen entwickelten sich zu einem vielfach beargwöhnten Instrument der "Preisveredelung". Obwohl sie nur einen Bruchteil aller Stromlieferungen erfaßten, dienten sie nun als Referenz für das Gros der weiterhin bilateral abgeschlossenen Stromlieferverträge und trieben so das Preisniveau insgesamt nach oben.

Die Strombörsen gehörten nicht von Anfang an und auch nicht notwendigerweise zum Konzept der Deregulierung. Generell ist Wettbewerb nicht an das Vorhandensein von Börsen gebunden (mitunter funktioniert er ohne Börsen sogar besser, könnte man angesichts der Erfahrungen auf dem Strommarkt hinzufügen). Daß schließlich in allen größeren Ländern Strombörsen gegründet wurden, entsprang auch nicht einem dringenden Bedürfnis der Stromwirtschaft. Die Branche war anfangs zumindest geteilter Meinung über den Nutzen einer solchen Handelsplattform. Die großen Energiekonzerne dürften als erste erkannt haben, daß eine Strombörse keineswegs zu sinkenden Preisen führen muß, sondern bei geschickter Anwendung von Marktmacht ein wunderbares Instrument zur Preiserhöhung sein kann. Es dauerte aber doch einige Zeit, bis die anfänglichen Befürchtungen ausgeräumt waren. Schrittmacher auf diesem Gebiet waren deshalb nicht die Stromunternehmen, sondern die etablierten Börsen, die sich in einer Phase der geschäftlichen Expansion und technischen Innovation befanden und dieses neue Betätigungsfeld nun entdeckten.