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Energiesparen als Ideologie

Der "energetische Imperativ" des Naturphilosophen Wilhelm Ostwald und seine etwas skurrile Begründung

Wilhelm Ostwald (1853 - 1932)

"Vergeude keine Energie, nutze sie!" - So beschwor zu Anfang des 20. Jahrhunderts der Chemiker und Naturphilosoph Wilhelm Ostwald seine Zeitgenossen. Er nannte das den "energetischen Imperativ". Inzwischen hatte man nämlich die drei Hauptsätze der Thermodynamik so ziemlich beisammen: Ostwald glaubte daraus schließen zu können, daß es eigentlich die Energie sei, die das ganze Universum bilde, und daß mit jeder Entwertung der Arbeitsfähigkeit dieser Energie äußerst sorgsam umgegangen werden müsse.

Ostwalds Ansicht, daß auch die Materie im Grunde nur Energie sei, wurde wenig später glänzend bestätigt, und zwar durch Einstein, der die Äquivalenz von Energie (e) und Masse (m) unter Einbeziehung der Lichtgeschwindigkeit in seiner berühmten "Weltformel" e = mc2 ausdrückte.

So weit dachte Ostwald freilich nicht. Seine "Energetik" war eher eine andere Form der landläufigen Ansicht, daß die ganze Welt nur aus "Materie" bestehe. Diese Sichtweise diente damals vielen als Religionsersatz. Populärwissenschaftliche Bücher wie "Kraft und Stoff" von Ludwig Büchner oder "Die Welträtsel" von Ernst Haeckel hatten für "aufgeklärte" Zeitgenossen den Rang einer Bibel. Die Anhänger des modernen Wissenschaftsglaubens gründeten auch eine Art Kirche, die sich "Monistenbund" nannte. Zu den führenden Vertretern dieses Monistenbundes gehörte Wilhelm Ostwald. Im Gegensatz zu den meisten Monisten sah Ostwald aber den Grundbaustein des Universums nicht in der Materie oder im Zusammenwirken von "Kraft und Stoff", sondern letztlich nur in der Energie.

"Vergeude keine Energie - nutze sie!" - Nimmt man den "energetischen Imperativ" wörtlich, klingt er wie die Vorwegnahme heutiger Energiespar-Kampagnen. In Wirklichkeit war er aber eher spiritueller Natur. Ostwalds gleichnamiges Buch enthält kaum ein praktisches Argument, um die Forderung nach sparsamem Umgang mit Energie zu begründen. Da ist keine Rede von der drohenden Erschöpfung der Ressourcen, von Luftverschmutzung und Treibhauseffekt oder der allgemeinen Verwüstung des Planeten durch unbegrenztes Wachstum. Nicht mal die finanziellen Vorteile des Energiesparens werden ins Feld geführt.

Stattdessen predigte Ostwald das Energiesparen als eine Art Selbstzweck: Beispielsweise plädierte er für die weitgehende Vereinfachung der Sprachen nach Art des Esperanto, um Energie zu sparen, oder machte den Vorschlag, die Orthographie zu reformieren, damit man beim Schreiben mit der Schreibmaschine keine Energie mehr mit der Trennung der Wörter am Zeilenrand verplempere. Das klingt skurril und ist es wohl auch. Recht angenehm berührt uns heute dagegen seine Mahnung, daß Kriege pure Energieverschwendung seien. - Leider predigte er tauben Ohren, denn kurz danach begann der erste Weltkrieg.

Ostwald war ein bedeutender Wissenschaftler und hat sich große Verdienste erworben. Beispielsweise hat er Carnots "Betrachtungen über die bewegende Kraft des Feuers" ins Deutsche übersetzt und in der von ihm herausgegebenen Reihe "Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften" veröffentlicht. Als Naturphilosoph blieb er aber letztlich dem "Monismus" verhaftet, und sein "energetischer Imperativ" war mehr eine asketische Ideologie als ein sachlich begründetes Konzept für sinnvollen Umgang mit Energie.

Ein russischer Zeitgenosse, der die Welt in ähnlicher Weise monokausal deutete, aber den Begriff der "Materie" bevozugte, hat Ostwald einmal als "großen Chemiker und kleinen Philosophen" bezeichnet. Dieser Kritiker hieß Wladimir Iljitsch Uljanow - besser bekannt unter dem Namen "Lenin" - und hat sich mit seiner "dialektisch-materialistischen" Deutung der Welt noch ein bißchen mehr vergaloppiert...